Твори О.С. Пушкіна.Переклад німецькою мовою. > Jewgeni Onegin> Zweites Kapitel

 

ZWEITES KAPITEL

O rus!... (Horaz)
O Rus*!
(* O Landleben!... O altes Rußland!)

(Furst Wjasemski)

І

Das Gut, auf dem mein Freund nun hockte,
War ein recht hübsch gelegner Ort;
Wen harmloser Genuß verlockte,
Der dankte wohl dem Himm
el dort.
Das Herrenhaus stand abgelegen
Am Hügelhang, des Windes wegen,
Hoch über einem Bach. Davor
Erstreckten sich in buntem Flor
Goldgelbe Felder, grüne Matten,
Auch Dörfer blinkten fern und nah,
Und Herden streiften hie und da,
Und weithin dehnte dichte Schatten
Ein großer, ungepflegter Park,
Der trauernde Dryaden barg.

ІІ


Gar würdig war das Schloß errichtet,
Wie Schlösser man errichten soll:
Verständig Stein auf Stein geschichtet,
Altvaterisch und ruhevoll.
Die Räume hoch und kaum betreten,
Im Speisezimmer Stofftapeten,
Der Zaren Bilder an der Wand
Und Ofenkacheln, bunt gebrannt.
Veraltet heißt das heutzutage,
Nur weiß ich nicht so recht, wieso;
Mein Freund war jedenfalls nicht so,
Daß ihn bedrängte diese Frage;
Der Langeweile war's egal,
Ob modisch oder nicht der Saal.

ІIІ


Er nahm sich das Gemach zur Bleibe,
Wo vierzig Jahr der Edeling
Sich zankte mit dem Schaffnerweibe,
Am Fenster saß und Fliegen fing.
Schlicht war dort alles: Eichenbänke,
Ein Tisch, ein Plüschsofa, zwei Schränke,
Und nirgends Tintenkleckse drauf.
Onegin schloß die Schränke auf:
Im einen stand bis an die Ränder
Likör und Süßmost, Krug an Krug,
Im andern lag beim Rechnungsbuch
Von Anno acht noch ein Kalender:
Der Alte, als ein Mann der Pflicht,
Gebrauchte andre Bücher nicht.

ІV


Allein auf seiner Landdomäne,
Um zu vertreiben sich die Zeit,
Ersann Jewgeni anfangs Pläne
Von ungewohnter Neuigkeit.
Als Philosoph in wüsten Breiten
Hat er das Joch der Fronarbeiten
Durch eine leichte Pacht ersetzt;
Der Sklave pries sein Schicksal jetzt.
Der Nachbar, der geschäftlich dachte,
Geriet darob aus Rand und Band,
Weil er das furchtbar schädlich fand;
Ein andrer wieder hämisch lachte,
Und alle sagten wie im Chor,
Daß höchst gefährlich dieser Tor.

V


Zunächst besuchten ihn noch alle,
Doch da am Hofausgang man schon
Gesattelt hielt in jedem Falle
Für ihn den Traberhengst vom Don,
Sobald man vorne nur vernommen,
Daß wieder Nachbarskutschen kommen –
Hat, über solchen Brauch empört,
Bald jede Freundschaft aufgehört.
»Der Nachbar ist verrückt, ein Flegel,
Ein Farmason; er trinkt allein
Aus Wassergläsern roten Wein;
Küßt nie die Hand, sagt in der Regel
Kein höflich Wort, nur "ja" und "nein"« –
So hieß das Urteil allgemein.


Sein Dorf bezog zur gleichen Stunde
Ein neuer Gutsbesitzer da,
Der Anlaß gab, daß in der Runde
Man gleichfalls kritisch ihn besah:
Ein Jüngling in der schönsten Blüte,
Der Kant las und für Dichtung glühte.
Wladimir Lenski hieß der Mensch;
An Seele wahrhaft göttingensch,
Bracht er aus Deutschlands Nebeln mit sich
Die Früchte der Gelehrsamkeit:
Den Traum von freier, beßrer Zeit,
Den Geist recht sonderbar und hitzig,
Der Rede stets erhabnen Klang
Und schwarze Locken schulterlang.

VІІ


Von der verderbten Welt Gemeinheit
War er noch nicht verdorrt zum Glück,
So wärmte seiner Seele Reinheit
Noch Freundesgruß und Mädchenblick;
Als reiner Tor in Herzensdingen
Entschwebte er auf Hoffnungsschwingen;
Und was mit Neuheit lärmt und gleißt,
Das fesselt seinen jungen Geist;
Und wenn sein Herz in Zweifeln stockte,
Hielt er's mit süßen Träumen hin;
Der Sinn des Lebens war für ihn
Ein Rätsel, das ihn stets verlockte,
Worüber oft und lang er sann
Und Wunder was vermutet dann.

VIІІ


Er glaubte, daß sich einen müsse
Ihm eine Seele seiner Art,
Daß sie, die es nur noch nicht wisse,
Schon täglich trostlos seiner harrt;
Er glaubte, seiner Ehre wegen
Ließ' Freundschaft sich in Ketten legen,
Die ohne Furcht die Hände regt
Und den Verleumder niederschlägt,
Er glaubte, daß Erwählte leben,
Die heilige Menschenfreunde sei'n;
Daß ihr unsterblicher Verein,
Von sieghaft hehrem Licht umgeben,
Uns irgendwann einmal erhellt
Und Heil und Segen schenkt der Welt.

ІX


Empörungswallen, Mitleidsbeben,
Zum Edlen reine Liebesglut
Und quälend süßes Ruhmesstreben
Erregten frühe schon sein Blut.
Er zog hinaus als ein Poete
Ins Land von Schiller und von Goethe,
Aus deren Dichtungsfeuer stammt,
Was seiner Seele Brand entflammt;
Und der erhabnen Musen Werke
Hat der Beglückte nie entehrt:
Sein Lied erhielt sich unversehrt
Erhabener Gefühle Stärke,
Des Traumes jungfräuliche Kraft
Und Reiz, den ernste Einfalt schafft.

X


Er sang die Liebe, Liebe spürend,
Und dabei war sein Lied so rein
Wie Mädchendenken, schlicht und rührend,
Wie Kinderträume, wie der Schein
Der Göttin stiller Himmelsweiten,
Die Seufzer liebt und Heimlichkeiten;
Er sang auch Harm und Trennung gern,
Und ungewiß und nebelfern,
Und Rosen, und romantisch Sehnen;
Er sang die Lande fern und hehr,
Wo lang im Schoß der Stille er
Vergossen hatte heiße Tränen;
Er sang des Lebens Welke gar,
Als er noch nicht ganz achtzehn war.


In dieser Öde, wo Onegin
Allein vermocht ihn zu verstehn,
War ihm an Festen nichts gelegen,
Wie sie die Nachbarn rings begehn;
Er floh vor ihrem lauten Schwätzen.
In ihren nüchtern-klugen Sätzen
Von Branntwein, Hundezucht und Heu
Und von Familienstreiterei
Konnt es natürlich wenig geben
An Feingefühl und Dichtungsbrand,
An Geistesblitzen und Verstand,
Zu kurz kam auch die Kunst zu leben;
Doch ihrer Fraun Beredsamkeit
War noch weit weniger gescheit.

XІІ


Bei Lenskis Äußrem und Vermögen
Lud man als »Künftigen« ihn ein,
Wie's auf dem Land die Eltern pflegen;
Ein jeder sah sein Töchterlein
Dem halben Deutschen schon versprochen;
Wo er erscheint, wird angesprochen
Sogleich dies Thema: Man erzählt,
Wie doch ein Hagestolz sich quält;
Man bittet ihn zum Samoware,
Den Tee schenkt Dunja ein sodann,
Man flüstert: »Schau ihn dir gut an!«
Dann bringt man auch noch die Gitarre,
Und sie legt piepsend los (o Gott!):
Komm zu mir in die güldne Grott!...

XIІІ


Doch Lenski, dem es selbstverständlich
Gebrach an Lust zum Eheband,
Ersehnt den Tag, an dem er endlich
Onegin näher wird bekannt.
Sie fanden sich. Nicht Stein und Fluten,
Nicht Vers und Prosa, Eis und Gluten
Sind von Natur so sehr entzweit.
Erst störte die Verschiedenheit
Ihr gegenseitiges Erkennen,
Dann fanden sie Gefallen, dann
Traf man sie täglich reitend an,
Und bald warn sie nicht mehr zu trennen.
So schließt man (ich gesteh's, auch ich)
Oft Freundschaft, weil man langweilt sich.

XІV


Selbst solche Freunde sind noch selten.
Uns hemmt kein Vorurteil mehr, keins,
Daß alle uns als Nullen gelten,
Und nur wir selber als die Eins.
Wir werden zu Napoleonen;
Zweibeiniger Wesen Millionen
Sind nur noch Mittel unsrer Macht;
Gefühle werden ausgelacht.
Jewgeni war da noch erträglich;
Und wenn er auch die Menschen kannt'
Und allgemein verächtlich fand —
Doch (Ausnahmen sind immer möglich)
Manch einen hat er sehr geschätzt
Und fremdes Fühlen nicht verletzt.

XV


Mit Lächeln ließ er Lenski sprechen.
Des Dichters Rede, wie sie glüht,
Sein Geist, im Urteil noch mit Schwächen,
Sein Blick, der stets Begeistrung sprüht -
Neu war das alles für Onegin;
Er hütet sich, zu widerlegen
Den Freund mit Worten kalt und starr,
Und denkt: ich wäre doch ein Narr,
So kurze Seligkeit zu rauben;
Das kommt dereinst auch ohne mich;
Mag er des Lebens freuen sich
Und an der Welt Vollendung glauben;
Steht doch dem Jugendfieber an
Die Jugendglut, der Jugendwahn.

XVI


Sie hatten ständig Stoff zum Streiten,
Der reizte ihre Urteilskraft:
Verträge frühster Menschheitszeiten,
Und Gut und Böse, Wissenschaft,
Uralter Vorurteile Mauer,
Des Grabs geheimnisvolle Schauer,
Des Menschen Leben und Geschick
Ward unterworfen der Kritik.
Dem Dichter konnt's geschehn im Eifer,
Daß er das Thema ganz vergaß
Und nordische Poeme las;
Jewgeni, nachsichtig und reifer,
Lauscht dann, obgleich er's kaum verstand,
Dem Jüngling dennoch angespannt.

XVII


Doch öfter warn's die Leidenschaften,
Die meiner Klausner Sinn umkreist.
Entronnen ihren bangen Haften,
Erwähnte sie Onegin meist
Mit einem Seufzer des Bedauerns.
Beglückt, wer, teilhaft ihres Schauerns,
Am Ende ihnen sich entwand;
Beglückter, wer sie nie gekannt,
Wer Liebe durch Entfernung kühlte,
Feindschaft durch Schimpfen; und wer flau
Sich nur verhielt zu Freund und Frau,
Die Qual der Eifersucht nicht fühlte,
Und seiner Ahnen Kapital
Dem Karo As nicht anbefahl.

XVIII


Wenn wir uns flüchten zur Standarte
Der Ruhe und Besonnenheit,
Wenn Glut der Leidenschaft erstarrte
Und man zu lächeln ist bereit
Ob ihres eigenwilligen Wallens
Und etwas späten Widerhallens,
Das mühsam man gebracht zur Ruh,
Dann hört man manchmal gerne zu
Berichten fremder Liebesleiden,
Und unser Herz fühlt wieder mit.
So leiht ein alter Invalid
Sein aufmerksames Ohr mit Freuden
Im halbvergeßnen Kämmerlein
Der jungen Krieger Prahlerein.

XІX


Dagegen ist die Glut der Jugend
Nichts zu verheimlichen imstand.
Haß, Liebe, Trauer, Freude, Tugend
Wird ausgeplaudert und bekannt.
Als Liebesinvalid sich fühlend
Vernimmt Onegin, Würde spielend,
Wie, Herzensbeichten zugeneigt,
Der Dichter seine Seele zeigt;
Zutraulich, ohne sich zu wahren,
Legt er ihm sein Gewissen bloß.
So kann Jewgeni mühelos
Der Liebe jungen Lauf erfahren
Aus überschwenglichem Bericht,
Dem es an Neuheit nur gebricht.

XX


Er liebte, wie in unsern Tagen
Man nicht mehr liebt; wie ganz allein
Des Dichters Seele, wahngeschlagen,
Zu lieben kann verurteilt sein:
Allzeits, allorts das gleiche Wähnen,
Des gleichen Wunschs gewohntes Sehnen,
Des gleichen Leids gewohnte Qual.
Nicht der Entfernung kühles Tal,
Nicht langer Trennungsjahre Haften,
Nicht Musendienst geweihte Zeit,
Nicht fremder Länder Herrlichkeit,
Nicht Festlärm und nicht Wissenschaften
Veränderten die Seele sein,
Die brannte jungfräulich und rein.

XXІ


Als Knabe schon bestrickt von Olga,
Mit Herzensqual noch nicht vertraut,
Hat er gerührt ihr in der Folge
Beim Kinderspiel oft zugeschaut;
Im Schutz und Schatten treuer Eichen
Nahm oft er teil an ihren Streichen,
Ihr Vater sah im Nachbarssohn
Den Bräutigam der Tochter schon.
Sie blühte in dem stillen Fleckchen
Voll Reiz, wie ihn die Unschuld beut,
Und nur zu ihrer Eltern Freud
Heran gleichwie ein Maienglöckchen,
Das, scheu im tiefen Gras versteckt,
Nicht Schmetterling noch Bien' entdeckt.

XXIІ


Sie war es, die dem Dichter brachte
Des Jugendtraumes erstes Loh'n
Und die in seinem Geist entfachte
Der Flöte ersten Seufzerton.
Ade nun, goldne Kinderspiele!
Von nun an liebt er Waldeskühle,
Wo Einsamkeit und Stille wohnt,
Die Nacht, die Sterne und den Mond,
Den Mond, die hehre Himmelsleuchte,
Der wir vorzeiten oft geweiht
Den Gang in dunkler Abendzeit
Und tränenselige Herzensbeichte...
Doch heute sehn wir in ihm nichts
Als den Ersatz des Lampenlichts.

XXIIІ


Bescheiden und stets brav-ergeben,
Stets heiter wie der Morgen ist,
Einfältig wie des Dichters Leben
Und süß, wie wenn die Liebe küßt,
Zwei Augen von des Himmels Bläue,
Ein Lächeln, Locken, flachsblond-treue,
Den Gang, die Stimme, die Statur,
Hat Olga alles ... nehmt doch nur
Den gängigsten Roman, gewißlich
Gibt's dort ihr Bild: Es ist gar schön.
Ich mocht es selbst einst gerne sehn,
Doch heute find ich's ungenießlich.
Erlaubt mir drum, o Leser mein,
Der ältren Schwester mich zu weihn.

XXІV


Sie hieß Tatjana ... alle Wetter!
Der Name schmückt zum erstenmal
Eines Romanes zarte Blätter
Dank unsrer eigenwilligen Wahl.
Na und? Man kann ihn klangvoll nennen;
Gewiß ist nicht von ihm zu trennen
Ein Hauch von Altertümlichkeit
Und Mägderaum! Doch es wird Zeit
Einzugestehn, daß selbst für Namen
Uns jeglicher Geschmack gebricht
(Von Versen reden wir schon nicht);
Bei uns bleibt taub der Bildung Samen,
Und der Erfolg des Unterrichts
Ist Affektiertheit - weiter nichts.

XXV


Nun gut, Tatjana hieß sie eben.
Sie lud nicht wie ihr Schwesterlein
Mit Schönheit oder blühendem Leben
Die Blicke zum Verweilen ein.
Verschwiegen, traurig, unzugänglich,
Wie eine Hindin scheu und bänglich,
Wirkte bei Sippe und Gesind
Sie fast wie fremder Leute Kind.
Es lag ihr nicht, sich anzuschmiegen
Bei ihrem lieben Elternpaar;
Als Kind war in der Kinderschar
Sie kaum zu Spiel und Sprung zu kriegen
Und saß oft tagelang herum
Allein am Fenster, still und stumm.

XXVІ


Versonnenheit, ihr treu verbunden
Und von der Wiege an gewöhnt,
Hat ländlich lange Mußestunden
Mit Träumereien ihr verschönt.
Ihre verwöhnten Finger nahmen
Die Nadel nie; gebeugt zum Rahmen
Belebte sie kein Leinentuch
Mit Seidenmustern Zug um Zug.
Als Zeichen, daß sich Herrschsucht rühret,
Übt mit der braven Puppe schon
Das Kind im Spiel den guten Ton,
Der als Gesetz die Welt regieret,
Und wiederholt ihr mit Bedacht,
Was ihm die Mami beigebracht.

XXVIІ


Doch hat sogar als kleines Mädchen
Tatjana Puppen nie berührt;
Hat über Moden, Klatsch vom Städtchen
Mit ihnen kein Gespräch geführt.
Auch Kinderstreiche warn mitnichten
Nach ihrem Sinne: Spukgeschichten
Und dunkler Winternächte Mär
Bezauberten ihr Herz viel mehr.
Und wenn die Njanja all die Rangen
Der Nachbarschaft zu Olgas Spaß
Zusammenrief zum Spiel im Gras,
Spielt' sie nicht mit Versteck und Fangen,
Gelangweilt nur von dem Geschrei,
Dem Kichern und der Balgerei.

XXVIIІ


Sie liebte es, auf dem Balkone
Dem Nahn des Frührots zuzusehn,
Wenn in der blaßren Himmelszone
Die Sterne nach und nach vergehn
Und sacht der Horizont sich lichtet,
Ein Wehn vom Morgen schon berichtet,
Und dann der Tag allmählich steigt.
Im Winter, wenn sich länger neigt
Die Nacht auf unsre Hemisphäre,
Und wenn noch länger still und schwer
Im mondbeglänzten Nebelmeer
Der Osten schläft in träger Schwere,
Hat sie, wie immer früh erwacht,
Zum Aufstehn Kerzen angemacht.

XIX


Früh warn Romane ihr Vergnügen;
Nur ihrer war sie wirklich froh;
Und sie verliebt' sich in die Lügen
Von Richardson und von Rousseau.
Ihr Vater war ein guter, später
Verfloßnen Säkulums Vertreter;
Doch hat er Bücher nie verflucht,
Und selbst zu lesen nie versucht,
Hielt er sie nur für eitle Spiele
Und kümmerte sich nicht darum,
Was nachts für ein Kompendium
Die Tochter hegte unterm Pfühle.
Und seine Frau war selber schon
Verrückt gemacht von Richardson.

XXX


Sie nämlich liebte Richardsonen
Nicht, weil sie ihn gelesen hätt.
Nicht etwa, weil sie Grandisonen
Fand eher als Lovelacen nett;
Doch hatte einst Prinzeß Aline,
Die moskowitische Cousine,
Ihn oftmals schwärmerisch gelobt.
Sie selbst war damals schon verlobt,
Nur wollte sie den Mann nicht haben;
Sie seufzte einem ändern nach,
Der ihrem Wunsch viel mehr entsprach
Mit Herzens- wie mit Geistesgaben:
Ihr Grandison war stadtbekannt
Als Spieler, Fant und Leibsergeant.

XXXІ


Gleich ihm war sie gewohnt zu tragen
Stets alles kleidsam und modern;
Doch ohne sie auch nur zu fragen,
Schleppt' man sie zum Altar des Herrn.
Und daß ihr Gram sich rasch verteile,
Fuhr ihr verständiger Mann in Eile
Mit ihr aufs Land, wo sie Gott weiß
Geriet in was für einen Kreis,
Erst hielt sie's kaum noch aus hienieden,
Ums Haar verließ sie ihren Mann,
Dann nahm sie sich der Wirtschaft an,
Gewöhnte sich und ward zufrieden.
Gewohnheit ist ein Himmelsschatz:
Des Glückes wirksamer Ersatz.

XXXІI


Gewohnheit ward des Grames Stillung,
Der lange noch unbändig tost;
Doch eine wichtige Enthüllung
Verschaffte ihr bald vollen Trost:
Denn zwischen Mittagsruh und Küche
Kam sie auf die geheimen Schliche,
Wie man den Mann selbstherrlich lenkt,
Und schon war alles eingerenkt.
Im Felde nach dem Rechten sehen,
Zum Winter Pilze mariniern,
Buchführen, Köpfe kahlrasiern,
Am Samstag in die Sauna gehen,
Die Mägde prügeln in der Wut –
All das ging ohne ihn sehr gut.

XXXIIІ


Schrieb sie mit Blut voreinst von Minne
Ins Album zarter Mägdelein,
Nannte Praskowja stets Pauline
Und sang beim Reden hoch und fein,
Trug das Korsett sehr eng geschnüret,
Sprach, wie's französisch nur gebühret,
Das N auch russisch durch die Nas',
So änderte sich nun all das:
Album, Korsett, Prinzeß Aline,
Empfindsamer Gedichtchen Band
Vergaß sie gänzlich, und sie nannt'
Akulka wieder die Celine
Und hat als Haustracht eingeführt
Kapott und Schlafrock, warm wattiert.

XXXІV


Doch liebte herzlich sie der Gatte,
Der ihre Pläne nicht durchdrang,
Unendliches Vertrauen hatte
Und selbst im Schlafrock aß und trank.
Geruhsam plätscherte sein Leben;
An manchem Abend schauten eben
Die lieben Nachbarn noch vorbei,
Die ohne alle Ziererei
Gern etwas jammern, etwas hetzen
Und über manches spotten gern.
Und da die Nacht schon nicht mehr fern,
Muß Olga bald den Tee aufsetzen;
Man ißt, und schon ist Schlafenszeit,
Die Gäste gehen - Schluß für heut.

XXXV


So haben sie in stillem Kreise
Der Ahnen lieben Brauch bewahrt;
Zur Butterwoche wurde weise
Bei Flinsen nicht mit Fett gespart;
Zweimal im Jahr zur Beichte gehen,
Im Karussell sich lustig drehen,
Das liebten sie wie Tanz und Sang;
Zu Pfingsten aber, wenn zu lang
Dem Volk die Messe und beschwerlich,
Dann quetschten sie drei Tränen aus
Voll Rührung überm Morgenstrauß;
Kwaß war zum Leben unentbehrlich,
Beim Essen trug man jeden Gang
Den Gästen auf nach Stand und Rang.

XXXVІ


Und so sind beide alt geworden,
So öffneten sich denn zuletzt
Vor dem Gemahl des Grabes Pforten,
Und neuen Kranz empfing er jetzt.
Er starb kurz vor der Mittagsstunde,
Beweint von Nachbarn in der Runde,
Den Kindern und dem Ehgespons
Aufrichtiger als mancher sonst.
Er war ein schlichter, guter Barin,
Und dort, wo seine Reste ruhn,
Verkündet eine Inschrift nun:
Der arme Sünder Dmitri Larin
Des HErren Knecht und Brigadier,
Ging ein zum ewgen Frieden hier.

XXXVIІ


Seinen Penaten neu geschenket
Fand sich Wladimir Lenski ein
Am Male, das des Nachbarn denket,
Ein Seufzen dessen Staub zu weihn,
Und weilte lange, ehrlich trauernd.
»Poor Yorick« - sagte er erschauernd -,
»Er hielt mich einst auf seinem Arm.
Wie spielt' als Kind ich ohne Harm
Mit seinem Türkenfeldzug-Orden!
Wo er doch Olga mir versprach
Und fragte: Seh ich noch den Tag?...«
Und aufrichtig gerührt geworden
Entwarf Wladimir dort am Mal
Ihm ein Gedächtnismadrigal.

XXXVIIІ


Und ebendort hat unter Zähren
Er eine Inschrift hergestellt,
Der Eltern Staub damit zu ehren...
O weh! Den Acker dieser Welt
Darf, nach geheimer Vorsicht Willen,
Die Menschenernte kurz nur füllen,
Sie sprießt, sie reift, sie sinkt hinab,
Und eine andre löst sie ab ...
So wächst, lärmt, regt sich in der Runde
Auch unser windiges Geschlecht
Und weist zum Grab der Ahnen Recht.
Es kommt, es kommt auch unsre Stunde,
Die Enkel haben, eh man's denkt,
Auch uns zur Welt hinausgedrängt.

XXXІX


Vorläufig freut euch des Getoses,
Des leichten Lebens, Freunde, nur!
Ich kenne wohl sein Wesenloses
Und häng an ihm mit dünner Schnur;
Für Schemen schloß ich meine Lider;
Doch regt das Herz mir hin und wieder
Entfernter Hoffnungsschimmer auf:
Zu traurig wär's, den Erdenlauf
Ganz ohne Spur zu End zu bringen.
Ich leb und schreib zwar nicht für Ruhm,
Doch gäb ich offenbar was drum,
Mein traurig Los so zu besingen,
Daß, wie ein Freund, der mich noch liebt,
Ein Ton von mir noch Zeugnis gibt.

XL


Der könnte dann ein Herz noch rühren,
Ihm gönnte das Geschick Verbleib,
Und Lethe würde nicht entführen
Vielleicht die Strophe, die ich schreib;
Vielleicht (o schmeichelhaftes Hoffen!)
Wird einst ein Ignorant getroffen,
Der zeigt auf mein berühmt Porträt
Und spricht: Das war noch ein Poet!
So sei denn meines Dankes sicher,
Du, dem der Musen Sang gefällt,
Und du, der im Gedächtnis hält
Dereinst noch meine leichten Bücher
Und dessen Hand wohlwollend gern
Den Lorbeer zaust dem alten Herrn!


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Оригінал твору

Бібліотека ім. О. С. Пушкіна (м. Київ).
А.С. Пушкин. Полное собрание сочинений в десяти томах

 

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