Jewgeni Onegin. Viertes Kapitel
Твори О.С. Пушкіна.Переклад німецькою мовою. > Jewgeni Onegin>Viertes Kapitel

 

VIERTES KAPITEL

La morale est dans la nature des choses.*

(Necker)

*Die Moral liegt in der Natur der Dinge.
I. II. III. IV. V. VI

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VІІ


Bei einer Frau in Gunst zu stehen,
Wird leicht, je weniger man sie liebt;
Sie wird dann um so sichrer gehen
Ins Netz, das schmeichelnd sie umgibt.
Kaltschnäuziger Genuß der Triebe
Galt einst als Wissenschaft der Liebe,
Die überall sich lautstark pries
Und ohne Liebe Lust verhieß.
Doch diese noble Art zu spaßen
Ist würdig alter Affen nur
Aus Opas rühmlicher Kultur:
Heut geht's dem Ruhme der Lovelacen
Wie's dem der roten Schuhe geht
Und der Perückenmajestät.

VIІІ


Wen langweilt's nicht, sich zu verstellen,
Zu reden, wo man lieber schweigt,
Das überzeugend darzustellen,
Wovon längst alle überzeugt,
Die gleichen Einwände zu hören
Und Vorurteile zu zerstören,
Die nie vorhanden warn und sind
Bei einem dreizehnjährigen Kind!
Wen brächte all das nicht zum Gähnen:
Beschwörung, ängstliches Getu,
Sechs Seiten lange Billetsdoux,
Betrug, Intrigen, Ringe, Tränen,
Der Mütter, Tanten Observanz,
Die Freundschaft gar des Ehemanns!

IX


Genauso dachte mein Onegin.
In seiner Jugend erster Kraft
War manchem Irrtum er erlegen
Und zügelloser Leidenschaft.
Vom Leben angenehm verzogen,
Bald in Begeistrung aufgeflogen,
Bald von Enttäuschung übermannt,
Vom Wünschen langsam leergebrannt,
Erfolge nur noch lustlos pflückend,
In Lärm und Stille sich bewußt
Des ewigen Vorwurfs in der Brust,
Mit Lachen Gähnen unterdrückend:
So hat acht Jahre er im Wahn
Die schönste Blütenzeit vertan.

X


Verlieben kam nicht mehr in Frage,
Er warb nur noch, weil man's halt tut;
Ein Korb? – noch lang kein Grund zur Klage;
Ein Bruch? – auch Ausruhn tut mal gut.
Sein Flirt war fern von Liebesschauern,
Und ging es schief, gab's kein Bedauern,
Kaum wußt er, wer ihn liebt und haßt.
So seelenruhig kommt ein Gast
Zur Whistpartie noch spät am Abend,
Nimmt Platz; und ist das Spiel dann aus,
Fährt er ganz ungerührt nach Haus,
Dort an gesundem Schlaf sich labend,
Und weiß noch nicht, wenn er erwacht,
Was er am nächsten Abend macht.


Doch als er Tanjas Brief gelesen,
Hat echte Rührung er gefühlt:
Ihr mädchenhaft verträumtes Wesen
Hat ihn zuinnerst aufgewühlt;
Und er entsann sich nun genauer
Des blassen Teints, des Blicks voll Trauer;
Und Träumerei, so süß wie rein,
Zog still in seine Seele ein.
Vielleicht hat alte Glut der Sinne
Ihn für Momente schwach gesehn,
Doch wollte er nicht hintergehn
Das Zutraun reiner Mädchenminne.
Nun aber in den Park geschwind,
Wo sie sich grad begegnet sind.

XIІ


Erst waren beide stumm geblieben,
Dann trat Onegin zu ihr hin
Und sprach: »Sie haben mir geschrieben,
Gestehn Sie's nur. Ich las darin
Vertrauensselige Konfessionen,
Unschuldiger Liebe Effusionen;
Ich schätze Ihre Lauterkeit;
Gefühle, die seit langer Zeit
Erkaltet, ließ sie wieder brennen;
Doch Sie zu loben liegt mir fern;
Entgelten aber will ich's gern
Und gleichfalls kunstlos mich bekennen;
Hier meine Beichte als Beweis:
Ich geb mich Ihrem Urteil preis.

XIIІ


Hätt ich den Wunsch, mein ganzes Leben
Nur dem Familienkreis zu weihn;
Hätt mir ein freundlich Los gegeben,
Gemahl und Vater einst zu sein;
Hätten mich häusliche Idyllen
Jemals verlockt auch nur im stillen –
Um keine andre weit und breit
Als nur um Sie hätt ich gefreit.
Es ist kein Süßholz, wenn ich sage:
Fand darin ich mein Ideal,
Auf Sie allein fiel' meine Wahl
Als Freundin meiner trüben Tage,
Die mir für alles Schöne steht,
Und ich war glücklich ... wenn das geht!

XІV


Doch seit ich in die Welt getreten,
Hab nie ich solches Glück begehrt;
Umsonst sind Ihre Qualitäten:
Denn ich bin ihrer gar nicht wert.
Drum glauben Sie, wenn ich gestehe,
Nur eine Qual war unsre Ehe.
Sosehr ich Sie auch liebte, bald
Ließ' die Gewohnheit mich schon kalt;
Sie würden weinen: Ihre Tränen,
Die stimmten dann mein Herz nicht mild,
Sie machten mich vielmehr nur wild.
Urteiln Sie selber, welche Szenen
Uns Hymen dann bereiten mag,
Und das vielleicht für Jahr und Tag.

XV


Wer wäre mehr denn zu bedauern
Als die Familie, wo die Frau,
Des Mannes Unwert zu betrauern,
Sitzt Tag und Nacht allein im Bau;
Und er, der ihren Wert wohl kannte
(Und doch sein Los entsetzlich nannte),
Stets mürrisch schweigt wie ein Trappist
Und kalt und eifersüchtig ist!
So bin ich aber. War es das denn,
Was Ihrer Seele reine Glut
Gesucht, als Sie so schlicht und gut
Und geistreich Ihren Brief verfaßten?
Hat etwa solches Los die Macht
Des Schicksals Ihnen zugedacht?

XVІ


Wie Traum und Zeit nicht wiederkehren,
Wird auch mein Herz nicht mehr erneut...
Ich muß Sie wie ein Bruder ehren,
Vielleicht mit größrer Zärtlichkeit.
Drum hörn Sie ohne Groll im Herzen:
Ein junges Mädchen kann's verschmerzen,
Es wechselt leicht von Traum zu Traum;
So wie im Lenz das Laub am Baum
Nur kommt, um bald sich zu entfernen.
So will's der Himmel, die Natur.
Sie werden wieder lieben: nur ...
Sie sollten sich beherrschen lernen;
Nicht jeder wird, wie ich, verstehn;
Naivität kann schlimm ausgehn.«

XVIІ


So etwa predigte Onegin.
Tatjana sieht vor Tränen nicht,
Sie atmet kaum, sagt nichts dagegen
Und hört nur traurig, was er spricht.
Er reicht den Arm ihr, und apathisch
(Man sagt da gerne: automatisch)
Ergreift sie ihn und stützt sich ab,
Ihr Köpfchen sinkt erschöpft herab;
Nach Hause gehn sie durch die Beete,
Und als erschienen dort die zwei,
Da dachte niemand was dabei:
Die ländlich freie Etikette
Hat manchen vorteilhaften Brauch,
Ganz wie das stolze Moskau auch.

XVIIІ


Wer sagt nicht, wenn er das gelesen,
Daß unser Freund in Tanjas Fall
Sehr nett und rücksichtsvoll gewesen?
Er zeigte nicht zum erstenmal
Hier seiner Seele wahren Adel,
Wenn auch der Menschen Lust am Tadel
An ihm kein gutes Haar mehr ließ:
Wer Feind ihm war, wer Freund sich hieß
(Was oft die gleichen Leute waren),
Sie alle hängten ihm was an.
Nun, Feinde hat hier jedermann,
Mag Gott vor Freunden uns bewahren!
Ach, Freunde, Freunde wolln das sein?
Sie fielen mir nicht grundlos ein.

XІX


Wieso? – Nur so. Ich will nicht jammern
Und schlafre schwarze Schatten ein;
Und ich bemerke nur in Klammern:
Mag's schäbige Verleumdung sein,
Wie sie ein Schreiberling ersonnen
Zu des mondänen Pöbels Wonnen,
Sei's das unsinnigste Gerücht,
Sei's ein gemeines Spottgedicht,
Nichts gibt's, was nicht Ihr Freund mit Lächeln
In anständiger Leute Kreis
Ganz arglos zu erzählen weiß,
Um – aus Versehn – Sie durchzuhecheln;
Doch lieben tut er Sie, auf Ehr! –
Als wenn er Ihr ... Verwandter war.

XX


Hm, hm! Wohledler Leser, hatten
Sie keinen Kummer da bisher?
Oder beliebt's, wenn Sie gestatten,
Daß ich auch das noch kurz erklär,
Was denn Verwandte nun bedeute?
Verwandte, das sind solche Leute:
Wir müssen tun, was sie begehrn,
Sie herzlich lieben und verehrn
Und sie, zu Weihnachten wohl war es,
Besuchen, wie's im Volke Brauch,
Oder per Post Glück wünschen auch,
Damit sie für den Rest des Jahres
Uns rasch vergessen ... Also gut,
Lang leben sie in Gottes Hut!

XXІ


Da sind Geliebte mehr zu loben
Als Freunde und Verwandte doch:
Es ist sogar, wenn Stürme toben,
Verlaß auf ihre Liebe noch.
Gewiß. Jedoch: der Schmuck, die Kleider,
Die Launen der Natur und, leider,
Das Urteil der Gesellschaft... ach,
Zu wahr ist's: dies Geschlecht ist schwach.
Auch sind die Ansichten des Gatten
Für eine tugendhafte Frau
Zu respektieren stets genau;
So wird die Freundin, die Sie hatten,
Entzogen Ihnen unverhofft:
Mit Liebe scherzt der Teufel oft.

XXIІ


Wen also lieben? Wem vertrauen?
Wer einzig sinnt nicht auf Verrat?
Wer mag mit unsern Augen schauen
Auf unser Wort, auf unsre Tat?
Wer wird Verleumdung nie verbreiten?
Wer uns ein warmes Nest bereiten?
Wen läßt auch unser Laster kühl?
Wer wird uns wirklich nie zuviel?
Der war ein schlechter Schatzverweser,
Der sucht, wo's solch ein Wesen gibt,
Anstatt, daß er sich selber liebt.
Versuchen Sie's, hochwerter Leser!
Ein würdiges Objekt fürwahr:
Nichts stellt sich liebenswerter dar.

XXIIІ


Und was ist weiter nun geschehen?
Ach, das zu raten ist nicht schwer!
Des Liebeswahnes wilde Wehen
Bestürmten nicht nur wie bisher
Die Seele, die sich gerne quälte;
Nein, wilder ward, da Trost ihr fehlte,
Die hoffnungslose Leidenschaft.
Tatjana schlief nicht mehr, und Kraft,
Gesundheit, Frische, Lebensfreude,
Ihr Lächeln, ihre Mädchenruh
Verschwanden spurlos und im Nu.
Ihr Jugendglanz verlosch im Leide,
Gleich als ob Sturmesschatten lag
Auf einem kaum gebornen Tag.

XXІV


O weh! Tatjana wird zum Schemen,
Verwelkt, verzehrt sich, sagt kein Wort!
Sie mag an nichts mehr Anteil nehmen,
Nichts lockt ihr Herz vom Leiden fort.
Die Nachbarn wiegen ernst die Schädel
Und tuscheln unter sich: »Das Mädel
Muß heiraten, 's ist höchste Zeit!« ...
Doch Schluß nun mit der Traurigkeit.
Euch aufzuheitern muß ich eilen
Mit einem Bild von Liebesglück.
Verzeiht, ich schau noch mal zurück;
Das Mitleid zwingt mich zu verweilen
Bei ihr, von der ich eben schrieb:
Ich hab Tatjana ja so lieb!

XXV


Von Stund zu Stunde mehr gefangen
Von Olgas jugendlichem Reiz,
Begab Wladimir voll Verlangen
Sich ganz in süße Haft bereits.
Ist stets bei ihr. Sie sitzen immer
Selbzweit in ihrem dunklen Zimmer,
Und Hand in Hand spazieren sie
Im Garten schon in aller Früh.
Und was passierte? Liebestrunken,
In der Verwirrung holder Scham,
Er manchmal sich die Freiheit nahm,
Wenn Olgas Lächeln ihm gewunken,
Daß er ein Löckchen löst mit List,
Oder den Saum des Kleides küßt.

XXVІ


Manchmal pflegt er ihr vorzulesen
Einen erbaulichen Roman,
Wo von Natur und Menschenwesen
Mehr steht als bei als Chateaubriand;
Mitunter gibt's da zwei, drei Seiten
(Wo ein Zuviel an Seltsamkeiten
Gefahr für Mädchenherzen bringt),
Die er errötend überspringt.
Oder sie sitzen, fern von allen,
Und schaun, die Stirne in der Hand,
Aufs Schachbrett nieder unverwandt,
In tiefes Nachdenken verfallen,
Bis Lenski einen Bauern führt
Und seinen eignen Turm kassiert.

XXVIІ


Und sollt er mal nach Hause reiten,
Denkt er an Olga auch zu Haus,
Und ihres Albums zarte Seiten
Schmückt er mit Fleiß und Andacht aus:
Bald malt er ländliche Vignetten,
Ein Grabmal, Säulen, Amouretten,
Ein Saitenspiel mit Täuberich
In Aquarell und Federstrich;
Bald fügt er in die freien Räume
Zu dem, was schon ein andrer schrieb,
Noch ein paar Verse zart und lieb
Als stummes Denkmal seiner Träume,
Wo, was ein kurzer Einfall war,
Erhalten bleibt manch langes Jahr.

XXVIIІ


Sie sahn natürlich viele Male
Schon solch ein Album auf dem Land
Mit all der Freundinnen Gemale
Bald vorn, bald hinten, bald am Rand,
Wo Mädchen sich mit falschen Rhythmen
Und Rechtschreibfehlern Verse widmen,
Die irgendwo man aufgeschnappt,
Gestutzt oder was drangepappt.
Und wenn das Titelblatt verkündet:
Qu'ecrirez–vous sur ces tablettes,
Gezeichnet t.a.v. Annette,
Man sicher auf dem letzten findet:
» Und wer Dich lieber hat ah ich,
Der schreibe sich gleich hinter mich.«

XXІX


Sie finden dort in jedem Falle
Zwei Herzen, Fackeln, Blümelein;
Dort liest man Schwüre, die sich alle
Der Liebe bis zum Grabe weihn;
Dort hat auch ein Armeepoete
Verwechselt Leier und Trompete.
In solch ein Heft, ihr Freunde mein,
Da trag auch ich mich gerne ein,
Dabei im Geiste mich versichernd,
Daß dem, was ich mir abgequält,
Ein wohlgeneigter Blick nie fehlt,
Und man nicht später, hämisch kichernd,
Zu untersuchen noch beginnt,
Wie geistreich meine Flausen sind.

XXX


Ihr Bände aber, allenthalben
Verstreut aus Satans Bücherei,
Ihr prächtig eingebundnen Alben,
Alptraum der Modereimerei,
In denen dienen zur Verzierung
Tolstois brillante Pinselführung
Und Baratynskis Schreibtalent,
Daß euch doch Gottes Zorn verbrennt!
Wenn eine weltgewandte Dame
Mir ihr in quarto überreicht,
Mich Angst und Wut zugleich beschleicht;
Die böse Lust zum Epigramme
Regt sich im Innern wieder mal,
Doch man verlangt... ein Madrigal!

XXXІ


Nicht Madrigale warn die Lieder,
Die Lenski Olgas Album lieh;
Sie hallten nur von Liebe wider
Und glänzten mit Pointen nie.
Was er erfuhr, was er entdeckte
An Olga, wird ihm zum Objekte:
Und von lebendiger Wahrheit hell
Rauscht seiner Elegien Quell.
So singst, Jasykow, du, voll Weihe,
Wenn dir die Lippen übergehn
Vor Herzensfülle, irgendwen,
Und deiner Elegien Reihe
Gibt einst erschöpfenden Bericht
Von deinem Schicksal im Gedicht.

XXXIІ


Doch stille! Hörst du nicht gebieten
Den strengen Kritiker: »Werft ab
Der Elegien Kummerblüten!«
Er kanzelt uns Poeten ab
Und ruft: »Hört endlich auf zu greinen
Und nichts zu tun als zu beweinen
Das Damals, die Vergangenheit:
Genug! Singt etwas andres heut!«
– Recht hast du, uns den Rat zu geben:
Wählt Maske, Dolch und Tubaschall,
Noch sind Gedanken überall
Als totes Kapital zu heben:
Nicht wahr, mein Freund? – »Das liegt mir fern!
Schreiben Sie Oden, meine Herrn,

XXXIIІ


Wie unsre Dichterphilosophen
Vor alters pflogen kühn und stolz ...«
– Nur feierliche Odenstrophen?
Genug davon, mein Freund; was soll's?
Bedenk, was Dmitrijew schon sagte!
Kommt, der sich dort mit Oden plagte,
Etwa erträglicher dir vor
Als unser trüber Dichterchor? –
»Was kann die Elegie bedeuten;
Ihr Zweck ist kümmerlich und leer,
Der Ode Zweck jedoch ist hehr
Und edel stets...« – Da läßt sich streiten:
Hier mein Jahrhundert und dort deins,
Doch schweig ich lieber: recht hat keins.

XXXIV


Von Ruhm– und Freiheitsdrang getrieben,
Durchwühlt von stürmischen Ideen,
Hätt Lenski Oden wohl geschrieben,
Hätt Olga sie nur angesehn.
War unsern tränenreichen Dichtern
Vor ihrer Liebsten Angesichtern
Ihr Werk zu lesen je vergönnt?
Der höchste Lohn sei's, den man kennt!
Als selig wird zu Recht erachtet,
Wer, wenn er vorliest, vor sich sieht
Den Gegenstand von Lieb und Lied,
Die Schöne, wie sie lieblich schmachtet!
Ja, selig ... selbst auf die Gefahr,
Daß sie nicht bei der Sache war.

XXXV


Ich kann die Frucht von Traumgesichten
Und Harmoniebesessenheit
Nur meiner Kinderfrau berichten,
Der Freundin meiner Jugendzeit,
Und wenn sich einmal aus Versehen
Am Abend läßt ein Nachbar sehen,
Dann schnapp ich mir den armen Mann,
Öd ihn mit meinem Drama an,
Oder (doch nun mal Scherz beiseite)
Ich schweif an meinem See umher,
Von Sehnsucht und von Reimen schwer,
Und schreck der wilden Enten Meute:
Wenn sie der Strophen süßen Ton
Vernehmen, flattern sie davon.

XXXVI. XXXVII


Na, und Onegin? Ja, natürlich!
Nur, Brüder, habt Geduld mit mir:
Sogleich beschreib ich euch ausführlich
Den Ablauf seines Tages hier.
Er war Anachoret geblieben,
Stand auf im Sommer schon vor sieben
Und schritt im leichtesten Gewand
Zum Flüßchen an des Hügels Rand,
Worauf er, Byron imitierend,
Sotanen Hellespont durchschwamm,
Dann seinen Kaffee zu sich nahm,
Ein wertloses Journal studierend,
Und dann sich anzog ...

XXXVIII. XXXIX


Gesunder Schlaf, Ausflüge, Lesen,
Waldschatten, Plätscherton vom Fluß,
Manchmal ein blaß, schwarzäugig Wesen
Mit seinem jungen, frischen Kuß,
Ein Rassepferd, gekonnt gezügelt,
Das Essen ziemlich ausgeklügelt,
Ein Fläschchen weißen Weins dazu,
Die Abgeschiedenheit, die Ruh:
Dies Leben war es, das er wählte;
Er gab sich unbewußt ihm hin,
So kam es ihm nicht in den Sinn,
Daß er des Sommers Tage zählte,
Seit Stadt und Freunde er vergaß
Und ihrer Feste leeren Spaß.

XL


Doch unser Sommer hier im Norden,
Südlicher Winter Parodie,
Ist kurz: das ist bekannt geworden,
Nur zugegeben wird es nie.
Schon haucht der Himmel Herbsteskälten,
Schon scheint die Sonne nur noch selten,
Und kürzer wurde schon der Tag,
Des Walds geheimnisvoller Hag
Hat traurig rauschend sich entkleidet,
Die Felder hüllt der Nebel ein,
Wildgänse ziehn mit schrillen Schrei'n
Gen Süden: Keinen Aufschub leidet
Die Zeit; jetzt wird's recht öde hier;
November steht schon vor der Tür.

XLI


Das Frührot hebt sich kalt im Trüben,
Es schweigt der Lärm des Ackerbaus;
Vom Hunger aus dem Wald getrieben
Tritt nun der Wolf zum Weg hinaus;
Das Pferd, das ihn von Ferne wittert,
Schnaubt laut – der bange Reiter zittert
Und jagt mit letzter Kraft bergauf;
Der Hirt steht nicht so früh mehr auf,
Die Kühe aus dem Stall zu bringen,
Und mittags ruft sein Hörn nicht mehr
Sie von der Weide zu sich her;
Am Spinnrad jetzt die Mägde singen,
Wobei der Winternächte Freund,
Der Kienspan, blakt und knisternd scheint.

XLII


Schon knirscht der Frost; mit Sturmestosen
Macht er die Felder silberhell...
(Der Leser wartet schon auflöse«;
Da ist der Reim, na, schnapp ihn schnell!)
Im Eiskleid glänzt der Bach adretter
Als des Parketts moderne Bretter.
Mit Schlittschuhn zeichnet Kreis um Kreis
Der Knaben muntres Volk aufs Eis;
Auf roten Pfoten sorgsam probend
Kommt, um zu schwimmen, schwer und weiß
Die Gans gewatschelt auf das Eis,
Rutscht aus und fällt; und lustig tobend
Weht erster Schnee heran von fern
Und sinkt aufs Ufer Stern um Stern.

XLIII


Was tut man nun in solcher Öde?
Spazierengehn? Da wird schon bald
Des Dorfes Anblick uns zu blöde:
So monoton und kahl und kalt.
Durch die erstarrte Steppe reiten?
Da braucht der Huf nur auszugleiten
Auf trügerischem Eis einmal,
Und Roß und Reiter kommt zu Fall.
Zieh dich zurück in die vier Wände,
Nimm Pradt, nimm Walter Scott und lies.
Prüf die Bilanz – liegt mehr dir dies,
Sei wütend oder trink; am Ende
Folgt jedem Abend mal die Nacht;
So wird der Winter rumgebracht.

XLIV


Onegin, in Childe Harolds Weise,
Betrieb gepflegten Müßiggang:
Nach einem Morgenbad im Eise
Ward ihm zu Haus der Tag nicht lang,
Wenn er, vertieft ins Kombinieren,
Versucht, das Queue stets neu zu führen,
Auf eine der zwei Kugeln zielt,
Kurz, mit sich selber Billard spielt.
Naht dann der provinzielle Abend,
Wird Queue und Kreide weggesteckt;
Vor dem Kamin ist schon gedeckt,
Jewgeni wartet. Bald kommt trabend
Das Apfelschimmeldreigespann
Mit Lenski. Schnell zu Tisch alsdann.

XLV


Champagner hochgepriesner Lagen,
La Veuve Clicquot oder Moet,
In eisiger Flasche aufgetragen
Alsbald vor unserm Dichter steht.
Gleich Hippokrenes Glitzerträumen
Hielt Sekt mit seinem Spiel und Schäumen
(Das Gleichnis ist für dies und das)
Mich oft in Bann: So kam es, daß
Mein letztes Scherflein ich vorzeiten
Dafür geopfert. Wißt Ihr's noch?
Sein Zauber hat uns damals doch
Beschert nicht wenig Unklugheiten
Und wieviel Witz und Poesie
Und Streit und heitre Phantasie!

XLVI


Doch seines Prickeins wird mein Magen
In letzter Zeit nicht mehr recht froh,
Ich trinke heut mit mehr Behagen
Schon den besonnenen Bordeaux,
Denn den Ay vertrag ich nimmer;
Ay gleicht der Geliebten: immer
Nur Glanz und Quicklebendigkeit
Und leere Launenhaftigkeit...
Doch Du, Bordeaux, bist zu vergleichen
Dem Freunde, der in Leid und Not
Steht immer treu uns zu Gebot,
Sei's helfend seine Hand zu reichen,
Sei's auszuspannen stillvereint.
Bordeaux soll leben, unser Freund!

XLVII


Das Feuer lischt; kaum überzogen
Von Asche glimmt die goldne Glut,
Kaum merklich ist der Rauch verflogen
Sich aufwärts kräuselnd, und noch gut
Wärmt der Kamin. Zum Abzug weht noch
Der Pfeifenrauch, und perlend steht noch
Das Sektglas auf dem Tisch bereit.
Das Abenddunkel macht sich breit...
(Ich mag, ich kann mir da nicht helfen,
Den Freundesschwatz beim Glase Wem
Zu jener Zeit, die allgemein
Die Zeit heißt zwischen Hund und Wölfen.
Warum jedoch, ist mir nicht klar.)
Nun plaudert unser Freundespaar:

XLVIII


»Was machen denn die Mädchen eben?
Tajana? Und dein Olgalein?« –
»Du kannst mir noch ein bißchen geben,
Halb voll nur, danke! ... Es geht fein,
Wohlauf sind alle, lassen grüßen.
Von Olga wärst du hingerissen,
Wie schön die Schultern, welche Brust,
Ach, welche Seele!... Nein, du mußt
Demnächst mit mir zu Lärms gehen;
Denn, lieber Freund, gib es doch zu:
Zweimal hineingeschaut hast du,
Seitdem läßt du dich nicht mehr sehen.
Was red ich denn! ... Sie laden dich
Für nächste Woche ein zu sich.«

XLIX


»Mich?« – »Ja, zum Namenstag von Tanja,
Am Samstag, Olga und Mama
Lassen dich bitten, und man kann ja
Dann nicht gut sagen: ich bleib da.« –
»Da wird doch nur ein ganzer Haufen
Von Hinz und Kunz zusammenlaufen.« –
»Wie kommst du darauf? Keine Spur!
Die eigene Familie nur.
Tu's mir zuliebe, ja? Ich hole
Dich ab!« – »In Ordnung.« – »Vielen Dank!«
Mit diesem letzten Worte trank
Er aus sein Glas zu Tanjas Wohle
Und sprach dann mit erneuter Glut
Von Olga – wie's halt Liebe tut!

L


Er war so fröhlich. In zwei Wochen
War ihm des Glückes Frist gesetzt,
Der süßen Liebe Kranz versprochen,
Und die Mysterien des Betts
Verhießen ihm die höchsten Freuden.
Denn Hymens Kümmernis und Leiden
Und kalte Langeweile gar
Nahm er auch nicht im Traume wahr,
Wo wir, die Feinde solcher Weihe,
Nichts im Familienleben sehn
Als 'nen Roman von Lafontaine:
Einschläfernd gleicher Bilder Reihe ...
Mein armer Lenski aber war
Dafür geschaffen ganz und gar.

LI


Er wird geliebt! ... zumindest findet
Er selbst, er sei's, und ist beglückt.
O selig, wer im Glauben gründet,
Verstandeskälte unterdrückt,
Wem Herzenswärme dient als Wiege
Wie dem Betrunknen nachts die Liege,
Nein, zarter: wie dem Schmetterling
Die Frühlingsblüte, dran er hing.
Doch arm ist der, dem nichts mehr fremd ist,
Dem nie der Kopf mehr geht im Kreis,
Der jedes Wortes Lüge weiß
Und durch Erfahrung so gehemmt ist,
Daß sein Gefühl zu Eis gerann
Und er sich nie vergessen kann.


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Бібліотека ім. О. С. Пушкіна (м. Київ).
А.С. Пушкин. Полное собрание сочинений в десяти томах

 

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