Jewgeni Onegin. Siebentes Kapitel
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SIEBENTES KAPITEL

O Moskau, Rußlands liebste Tochter,
Wo fände deinesgleichen man?

(Dmitrijew)

Wer liebte unser Moskau nicht?

(Baratynski)

Da macht man Moskau schlecht,
vom vielen Reisen blind!
Wo ist's denn besser? –
– Da, wo wir nicht sind!

(Gribojedow)

I.

Vom Frühlingssonnenstrahl gelichtet,
Hat schon der Schnee vom Hügelrund
In trüben Bächen sich geflüchtet
Zum überschwemmten Wiesengrund.
Still lächelnd, noch im Schlaf geborgen,
Grüßt die Natur des Jahres Morgen;
Der Himmel leuchtet tiefer blau,
Den Wald, noch durchsichtig und grau,
Belebt schon grüner Flaum mitunter.
Die Biene fliegt, des Felds Tribut
Zu sammeln, aus der Wabe Hut.
Das Tal wird trockener und bunter;
Die Herde blökt, und nachts erklang
Bereits der Nachtigall Gesang.

II.
Wie traurig–trüb stimmt mich dein Kommen,
O Frühling, Frühling! Liebeszeit!
Welch dumpfes Regen macht beklommen
Sich mir in Blut und Seele breit!
Mit welch bedrückend schwerer Rührung
Genieße ich die Hauchberührung
Des Lenzes, der mich überfällt
In meiner ländlich stillen Welt!
Ob ich die Lust denn nicht mehr teile
Und alles, was erfreut, erquickt,
Was jauchzt und glänzt, mir nur bedrückt
Mit Müdigkeit und Langeweile
Die Seele, die schon längst verschied
Und nur noch Dunkel um sich sieht?

III.
Macht unfroh uns das Wiederkehren
Des Laubes, das im Herbst verschwand,
Weil uns an bitteres Entbehren
Des Waldes neues Rauschen mahnt;
Läßt der Natur erneutes Leben
Bei dem Gedanken uns erbeben,
Daß wir nur welken Jahr um Jahr,
Der Hoffnung auf Erneuung bar?
Ob gar vorm innern Äug erwachte
In dichterischer Transparenz
Ein andrer, längst vergangner Lenz
Und unser Herz erzittern machte
Vorm Traumbild eines fernen Lands,
Verwunschner Nacht im Mondesglanz ...

IV.
's ist Zeit nun: brave Müßiggänger,
Weltweise, frei nach Epikur,
Ihr, ungerührte Glücksempfänger,
Ihr, Ljowschins Jünger der Natur,
Ihr, Priami im Landkreisrahmen,
Und ihr, sentimentale Damen,
Euch ruft der Lenz, aufs Land zu ziehn,
Die Zeit der Wärme, Blüten, Mühn,
Der einfallsreichen Lustpartieen
Und manch verführerischer Nacht.
Hinaus nun, Freunde, schnell gemacht!
Laßt schwerbepackte Kutschen ziehen
Mit eignem oder Postgespann
Durchs Tor der Städte und rückt an!

V.
Auch Sie, geneigter Leser, sollen
Im Wagen, den Sie importiert,
Sich fort vom Großstadttrubel trollen,
Der Sie im Winter amüsiert.
Auf, folgen wir der Muse Laune
Und lauschen nun des Hains Geraune
Dort überm namenlosen Fluß,
Im Dorf, wo mein Eugenius
Weltflüchtig, tatenlos und trübe
Noch bis vor einem halben Jahr
Der jungen Tanja Nachbar war,
Der Träumerin, die ich so liebe,
Und wo an ihn erinnert nur
Die traurig hinterlaßne Spur.

VI.
Ins Tal, von Hügeln halb umrundet,
Laßt uns hinabgehn, dort hinein,
Wo sich der Bach durch Wiesen windet
Zum Flusse hinterm Lindenhain.
Da lockt der Nachtigall Gekose
Den Lenz; da blüht die Heckenrose,
Und man vernimmt der Quelle Wort –
Ein Mal aus Stein gewahrt man dort,
Wo zwei uralte Kiefern ragen.
Die Inschrift, Wandrer, kündet dir:
»Wladimir Lenski liegt allhier,
Der fiel als Held in jungen Tagen
So und so alt, im Jahr ... Nun ruh
In Frieden, Dichterjüngling, du!«

VII.
Wo sich die Kiefern tiefer biegen,
Ließ einst der linde Morgenwind
Ob diesem schlichten Stein sich wiegen
Geheimnisvoll ein Kranzgebind.
Einst haben sich in Abendstunden
Zwei Freundinnen hier eingefunden
Und, bei des Mondes Schein vereint,
Am Grab umarmt sich und geweint.
Doch heut... das Denkmal steht vergessen
Und traurig da; verwachsen ganz
Der Pfad zu ihm; am Zweig kein Kranz.
Nur, grau und kränklich schon indessen,
Singt immer noch der Hirte dort
Und flicht sein ärmlich Schuhwerk fort.

VIII. IX. X.
Mein armer Lenski! Kurz nur tobte
Ihr Schmerz und ließ sie weinen auch.
O weh! Es brach die Jungverlobte
Die Treue bald dem Trauerbrauch.
Ein andrer wußt ihr zu gefallen,
Ein andrer lullte ihre Qualen
Mit Liebesschmeicheleien ein,
Ja, ein Ulan nennt bald sie sein,
Ja, er ist ihrer Seele teuer ...
Und schon steht sie vor dem Altar
Mit ihm, den Hochzeitskranz im Haar,
Verschämt, den Kopf geneigt, doch Feuer
Im scheu gesenkten Blicke und
Ein leichtes Lächeln um den Mund.

XI.
Mein armer Lenski! Wird da drüben
In dumpfer Ewigkeit Gebiet
Den Schwermutsänger wohl betrüben
Die Kunde, daß sie ihn verriet,
Oder vergißt in Lethes Schlummer
Er fühllos–selig Freud und Kummer,
Und treibt den Dichter nichts mehr um,
Bleibt ihm die Welt verhüllt und stumm?...
Ja! Uns erwartet, wenn wir sterben,
Gleichgültiges Vergessen dort.
Des Feinds, des Freunds, der Liebsten Wort
Verstummt sogleich. Und nur die Erben
Erheben würdelos voll Wut
Noch ihr Gezänk um Hab und Gut.

XII.
Auch Olgas Stimmchen war verklungen
Sehr bald im Hause Larin schon,
Weil ihr Ulan, vom Dienst gezwungen,
Sie mitnahm in die Garnison.
Und als es ging ans Abschiednehmen,
Zerfloß beinah in Tränenströmen
Des alten Mütterchens Gesicht.
Tatjana aber weinte nicht,
Nur eine Totenblässe machte
Sie trauriger als je zuvor.
Und als dann jeder noch am Tor
Geschäftig Abschiedsgrüße brachte
Zu dem Gefährt der jungen Leut,
Gab Tanja ihnen das Geleit.

XIII.
Und lange wie durch Nebeltreiben
Sah sie noch nach dem jungen Paar ...
Allein, allein muß Tanja bleiben!
O weh! Auch die, die Jahr um Jahr
Ihr Herz als gute Freundin kannte,
Ihr Täubchen, wie sie oft sie nannte,
Ist ihr entrissen vom Geschick
Und kehrt nie mehr zu ihr zurück.
Sie wandert ziellos wie ein Schemen,
Schaut in den Garten, der verwaist...
Nichts, was ihr irgend Trost verheißt,
Was lindernd könnte von ihr nehmen
Der unterdrückten Tränen Last –
Das Herz war ihr zersprungen fast.

XIV.
Und in so grausam leeren Stunden
Brennt stärker ihre Leidenschaft,
Und von Onegin, der entschwunden,
Spricht ihr das Herz mit neuer Kraft.
Sie wird ihn nie mehr wiedersehen;
Sie sollte sich zum Haß verstehen
Und ihn als Brudermörder sehn;
Zwar starb der Dichter ... doch an den
Denkt niemand mehr, mit einem ändern
Schon seine Braut von dannen zog.
Des Dichters Andenken verflog
Wie Wölkchen, die am Himmel wandern;
Zwei Herzen gibt's vielleicht, die hier
Um ihn noch trauern ... Doch wofür? ...

XV.
's war Abend. Blaß der Himmel. Leise
Das Wasser rinnt. Ein Käfer summt.
Verklungen war die Dorftanzweise,
Schon glomm am Fluß, vom Rauch vermummt,
Ein Fischerfeuer. Auf dem Felde,
Das silbrig schon der Mond erhellte,
Da ging, vertieft in Träumerein,
Tatjana lange Zeit allein.
Sie ging und ging. Und sah von weitem
Auf einmal vor sich Dorf und Schloß,
Den Bach, der hell vom Hügel floß,
Und Hain und Garten ihm zu Seiten.
Sie schaut – und unwillkürlich schlägt
Ihr Herz auf einmal aufgeregt.

XVI.
Sie wird von Zweifeln überfallen:
»Geh ich zurück, geh ich voran?...
Er ist ja fort. Fremd bin ich allen ...
Ich schau mir Haus und Garten an.«
Ins Tal hinab Tatjana schreitet
Kaum atmend; hier– und dorthin gleitet
Ihr Blick befremdet noch umher ...
Dann tritt sie ein, der Hof ist leer.
Doch kläffend kommen angesprungen
Die Hunde. Tanjas Schreckensschrei
Ruft eine Kinderschar herbei.
Geräuschvoll scheuchen ein paar Jungen
Die Köter fort, nicht ohne Streit
Dem Fräulein bietend ihr Geleit.

XVII.
»Werd ich das Haus mal ansehn können?«
Erkundigt Tanja sich. Sofort
Die Kinder zu Anisja rennen,
Die Schlüssel zu besorgen dort,
Anisja ist auch gleich erschienen,
Die Türe tat sich auf vor ihnen,
Und Tanja tritt ins leere Haus,
Wo unser Held ging ein und aus.
Sie schaut sich um: Im Saale ruhte
Vergessen auf dem Tisch das Queue,
Auf dem zerbeulten Kanapee
Lag eine Gerte. Und die Gute
Erklärt ihr am Kamin aus Stein:
»Hier saß der Barin oft allein.

XVIII.
Hier speiste mit ihm letzten Winter
Der Nachbar selig, Lenski, gern.
Jetzt bitte hier entlang! Dahinter,
Da ist das Zimmer unsres Herrn,
In dem er schlief, Kaffee verzehrte,
Den Vortrag des Verwalters hörte
Und morgens las, das war sein Brauch...
Der alte Barin wohnt' hier auch;
Oft mußt ich ihm die Brille holen
Am Sonntag, und am Fenster hier,
Da spielt' er Schafskopf dann mit mir.
Sein Seelenheil sei Gott befohlen,
Herr, gönn auch seinen Knochen nun,
Bei Mutter Erde auszuruhn!«

XIX.
Tatjana schaut gerührten Blickes
Auf jede teure Einzelheit,
Und alles scheint ihr, als beglück es,
Beleb der Seele Mattigkeit
Mit Trost, der noch vermischt mit Schmerzen:
Der Tisch, mit den erloschnen Kerzen,
Der Stoß von Büchern, und das Bett
Dort unterm Tuch vorm Fensterbrett,
Der Blick hinaus, wo überflössen
Vom Mondlicht dämmernd liegt das Land,
Das Bildnis Byrons an der Wand,
Und das Figürchen, erzgegossen,
Das, tief den Hut zur Stirn gerückt,
Die Arme kreuzt und finster blickt.

XX.
Tatjana in der Modeklause
Noch lange wie verzaubert steht.
Doch es ist spät, sie muß nach Hause.
Ein kühler Wind vom Tal her weht.
Der Hain schläft; Nebelschwaden steigen,
Der Mond will sich schon nicht mehr zeigen,
Die junge Pilgerin muß heut
Noch heim, es ist schon höchste Zeit.
Und Tanja ringt mit Mühe nieder,
Was sie bewegt, und tritt sodann,
Aufseufzend, doch den Heimweg an.
Doch bittet sie noch, daß sie wieder
Mal kommen darf gelegentlich,
Zum Bücherlesen still für sich.

XXI.
Tatjana sagt Lebwohl der Alten
Am Tor. Doch schon zwei Tage drauf
Ist sie frühmorgens nicht zu halten
Und sucht das Gutshaus wieder auf,
Hat dort im stillen Raum gesessen
Und eine Zeitlang zu vergessen
Die ganze andre Welt gemeint
Und lange still für sich geweint.
Ist dann die Bücher durchgegangen,
Nach denen ihr erst gar nicht war,
Doch deren Auswahl so bizarr
Ihr schien, daß Feuer sie gefangen
Und gierig immer weiter las;
Welch eine andre Welt war das!

XXII.
Zwar wissen wir, daß längst verloren
Jewgeni jede Lust am Buch,
Doch ein paar Werke und Autoren
Nahm er schon aus von seinem Fluch:
So den, der sang von Don Juanen,
So auch zwei, drei von den Romanen,
In denen spiegelt sich die Zeit,
Und worin auch der Mensch von heut
Recht wahr gemalt ist nach dem Leben
Mit seiner Seele Unmoral,
Die, eigensüchtig, dürr und kahl,
Phantasmen maßlos sich ergeben,
Mit seinem aufgebrachten Geist,
Der sich in leerem Tun verschleißt.

XXIII.
Es wahrte hier gar manche Seite
Noch seines Nagels scharfen Strich;
Und grade solchen Stellen weihte
Ihr lebhaftes Interesse sich.
Tatjana sah daran mit Bangen,
Was einst Onegin nahgegangen,
Welchem Gedanken, welchem Wort
Er schweigend zugestimmt sofort.
Notizen hat sie angetroffen
Von seinem Stift in manchem Fall.
Onegin legte überall
Ganz ungewollt sein Wesen offen,
Ob's nun ein Kreuz, ein Kommentar,
Ein krummes Fragezeichen war.

XXIV.
Und langsam, aber unaufhaltsam
Wird meiner Tanja – Gott sei Dank —
Nun klarer der, den so gewaltsam
Das Schicksal sie zu lieben zwang:
Der Kauz, so traurig wie gefährlich,
In dem sie einst vermutet ehrlich
Bald Höllenbrut, bald Himmelsbild,
Ihr Engel rein, ihr Dämon wild,
Was ist er nun? Imitation nur,
Ein Moskauer in Harolds Plaid,
Ein leerer Wahn, ein Interpret
Von angelesner Konfusion nur,
Ein Modewörterdiktionär?...
Vielleicht nur Parodie, nicht mehr?

XXV.
Ob sie damit gelöst indessen
Das Rätsel? Ist das Wort heraus?
Die Stunden fliehn; sie hat vergessen,
Daß man sie lange schon zu Haus
Erwartet, wo zwei Nachbarn eben
Sie zum Gesprächsthema erheben.
– »Was tun? Tatjana ist kein Kind«,
Die Mutter seufzend grad beginnt,
»Wo Olga jünger ist als Tanja.
Zeit war es für das Mädchen, ach,
Wenn ich nur wüßte, wie ich's mach.
Das gleiche sagt sie jedem Mann ja:
Kommt nicht in Frage! Und läuft nur
Vergrämt allein durch Wald und Flur. « –

XXVI.
»Ist sie vielleicht verliebt?« – »In wen denn?
Bujanow warb: nichts wurde draus.
Und Petuschkow – wollt sie ihn sehn denn?
Dann kam noch der Husar ins Haus,
Pychtin; wie der sie angehimmelt
Und immer um sie rumgewimmelt!
Schon meint ich: diesmal geht's wohl gut;
Von wegen! Wieder ging's kaputt.« –
»Tja, Mutter, wozu lang sich quälen?
Nach Moskau auf den Brautmarkt, los!
Wie's heißt, ist der Bedarf dort groß.«
– »Oh, Väterchen! Die Mittel fehlen.« –
»Für einen Winter langt's. Wenn nein,
Kann ich dir schlimmstenfalls was leihn.«

XXVII.
Die alte Frau war sehr zufrieden
Mit solchem wohlgemeinten Rat;
Sie überschlug's — und hat entschieden:
Wir fahrn zum Winter in die Stadt.
Gern hört Tatjana das mitnichten.
Die anspruchsvolle Welt soll richten
Nun dürfen über ihr Gesicht,
So provinziell wie klar und schlicht,
Und ihre unmodernen Sachen
Und manches unmoderne Wort;
Die Zirzen und die Gecken dort
Solln über sie sich lustig machen!?
O Graus! Nein, lieber blieb' sie hier
Im abgelegnen Waldrevier.

XXVIII.
Aufstehend mit den ersten Strahlen
Sie nunmehr in die Felder eilt
Und spricht, indem ihr Blick auf allem
Im Umkreis voller Rührung weilt:
»Leb wohl, friedvolle Talesenge,
Und ihr, vertrauter Hügel Hänge,
Und ihr, vertrauter Wald und Hain,
Leb wohl, du Himmel klar und rein,
Du, der Natur stets heitre Neuheit;
Nun tausch ich traute Einsamkeit
Für Lärm und Glanz und Eitelkeit...
Leb wohl auch du nun, meine Freiheit!
Wohin, wozu werd ich gedrängt?
Was hat das Schicksal mir verhängt?«

XXIX.
Auf immer längren Wanderungen
Hat hier ein Quell, ein Hügel dort
Mit seinem Liebreiz sie bezwungen
Und läßt Tatjana nicht mehr fort.
Und sie beeilt sich, noch zu sprechen
Mit ihren Hainen, Wiesen, Bächen,
Wie man mit alten Freunden spricht.
Jedoch der Sommer säumet nicht.
Der goldne Herbst ist angebrochen,
Und die Natur ist, zitternd, bleich,
Geschmückt, dem Opfertiere gleich ...
Dann kam der Nordwind, Wolken krochen,
Es bläst und heult – und siehe da,
Der Zaubrer Winter selbst ist nah.

XXX.
Er kam, zerflatterte; blieb hängen
Auf Eichenästen flockig–kraus;
Er breitet sich auf Feld und Hängen
Als sanftgewellter Teppich aus;
Er deckt den Fluß dem Ufersaume
Angleichend zu mit weichem Flaume;
Der Frost blitzt auf. Und uns erfreut
Des Winters wilde Munterkeit.
Nicht froh im Herzen ist nur Tanja.
Wie sehr sie sonst sich freute auch,
Zu atmen frischen Frostes Hauch,
Mit erstem Schnee vom Dach der Banja
Zu waschen Hals, Gesicht und Brust:
Die Reise raubt ihr alle Lust.

XXXI.
Die Abfahrt war schon oft verschoben,
Vorbei ging auch die letzte Frist,
Bis, der Vergessenheit enthoben,
Der Wagen wieder fahrbar ist.
Dazu, wie üblich, noch drei Schlitten,
Die die Beförderung bestritten
Von Pfannen, Stühlen, Kiepen, Truhn,
Von Einmachgläsern, Betten, Schuhn,
Matratzen, Käfigen mit Hühnern,
Kochtöpfen, Schüsseln und so fort,
Was man halt braucht, mit einem Wort.
Im Haus erhebt sich bei den Dienern
Der Abschiedslärm mit viel Geheul:
Schon stehn im Hof die achtzehn Gaul,

XXXII.
Die angespannt nun werden sollen,
Das Frühstück schleppt der Koch heran,
Und als die Schlitten überquollen,
Schrien Weiber sich und Kutscher an.
Auf hagrem Gaul saß schon als Leiter
Des Zugs der bärtige Stangenreiter,
Zum Abschied von der Herrschaft kam
Das Hausgesind zum Tor. Dann nahm
Man Platz, und der betagte Schlitten
Glitt knirschend aus dem Hof hinaus.
»Leb wohl, mein stilles Elternhaus!
Lebt wohl, ihr abgeschiednen Hütten!
Seh ich euch je noch mal?« ... Da brach
Aus Tanjas Äug ein Tränenbach.

XXXIII.
Wenn wir aufklärender Bestrebung
Gewähren etwas weitren Raum,
Dann werden bald auch (laut Erhebung
Gelehrter Schätzungen in kaum
Fünfhundertjahren) unsre Straßen
Gewiß sich ändern ob der Maßen:
Dann stelln Chausseen, kreuz und quer
Es teilend, Rußlands Einheit her.
Gußeisern werden Brücken schreiten
Durch Fluß und See in weitem Joch,
Wir dringen unters Wasser noch,
Durchbohren kühn der Berge Seiten
Und bringen auch ein Restaurant
Auf jeder Poststation in Gang.

XXXIV.
Heut ist davon noch nichts zu sehen,
Morsch sind die meisten Brücken schon,
Man kann vor Wanzen und vor Flöhen
Nicht schlafen in der Poststation;
Kein Restaurant ist da. Doch immer
Großspurig man im kalten Zimmer
Die Speisekarte hängen sieht,
Die unnütz reizt den Appetit,
Indes des Dorfs Zyklopenopas
Beim Feuer, das nicht brennen mag,
Kuriern mit Rußlands Hammerschlag
Das zierliche Produkt Europas
Und dabei preisen hocherfreut
Des Vaterlandes Holprigkeit.

XXXV.
Dafür reist, ganz im Gegenteile,
Im Winter man bequem und leicht.
Des Modelieds sinnloser Zeile
Die Straße dann an Glätte gleicht.
Unsre Automedone fliegen,
Die Troikas sind nicht totzukriegen,
Und nur der Werste Einerlei
Huscht wie ein Lattenzaun vorbei.
Zum Unglück fürchtete Frau Larin
Die Kosten für ein Postgespann,
So fuhr mit eignen Pferden man,
Und unser Fräulein könnt erfahren
Die Langeweile bis zum Grund:
Sie fuhren eine Woche rund.

XXXVI.
Doch nun ist's nicht mehr weit. Vor ihnen
Erglühn in goldner Glut bereits
Hoch über Moskaus weißen Zinnen
Die alten Kuppeln Kreuz an Kreuz.
Ach, Brüder! Wie war ich zufrieden,
Als unverhofft mir war beschieden
Zu sehn der Glockentürme Kranz,
Die Parks und der Paläste Glanz!
Wie hab in bittrer Trennung, bange
Vor des verworrnen Schicksals Macht,
Ich deiner, Moskau, oft gedacht!
Moskwa ... was wird bei diesem Klange
In jedes Russen Herz nicht wach!
Wieviel tönt da im Innern nach!

XXXVII.
Schon sieht man zwischen Bäumen ragen
Das Petersschloß, das finster starrt,
Stolz auf den Ruhm aus jüngsten Tagen:
Hier hat Napoleon geharrt,
Umsonst, vom letzten Kriegsglück trunken,
Daß Moskau, in die Knie gesunken,
Des alten Kremls Schlüssel bring:
Nein! Nimmermehr mein Moskau ging,
Sich schuldbewußt bei ihm zu melden.
Statt Feiern und Willkommenspfand
Bereitet' es den großen Brand
Dem allzu ungeduldigen Helden.
Von hier aus sah, gedankenschwer,
Er drohend lohn das Flammenmeer.

XXXVIII.
Leb wohl, gestürzten Ruhmes Zeuge,
Schloß Peters. – Na! Bleib doch nicht stehn,
Fahr zu! Schon leuchtet weiß am Steige
Der Schlagbaum; schon wankt über Wehn
Der Wagen die Twerskaja weiter.
Vorbei fliehn Schilderhäuschen, Reiter,
Laternen, Läden, Volk vom Land,
Händler von hier und Samarkand,
Klöster, Paläste, Mezzanine,
Holzhütten, Weiber, Gärten, Squares,
Alleen, Schlitten, Militärs,
Arznei– und Modemagazine,
Balkone, Löwen vorm Portal,
Auf Kreuzen Dohlen ohne Zahl.

XXXIX. XL.
In so ermüdend buntem Jagen
Gehn ein, zwei Stunden rum, und dann
Hält bei Sankt Chariton ihr Wagen
In einem Seitengäßchen an,
Direkt vorm Haus der alten Tante,
Die Schwindsucht nun ans Bett schon bannte
Im vierten Jahr. Kaum sind sie hier,
Da öffnet ihnen weit die Tür,
Bebrillt, grauhaarig, abgerissen,
Ein strümpfestrickender Kalmuck.
Im Hause kreischt vor Schreck und Glück
Die Fürstin aus den Sofakissen.
Man sinkt sich schluchzend in den Arm,
Und dann bricht los der Fragen Schwärm.

XLI.
»Princesse, mon ange!« – »Pacbette!« – »Alinchen!«
– »Wer hätte das gedacht! Ist's wahr?
Bleibt ihr für länger? Ach, Cousinchen!
Komm setz dich – nein, wie sonderbar!
Bei Gott! Genau wie im Romane ...«
– »Das ist mein Töchterchen, Tatjana.« –
»Ach, Tanja, komm doch her zu mir ...
Als ob ich träumte, phantasier ...
Sag, weißt du noch, wer Grandison ist?«
– »Gran..., Grandison? Ob ich den kenn?
Ach den, ja, ja! Wo steckt er denn?« –
»In Moskau bei Sankt Simeonis,
Hat Heiligabend mir erzählt,
Daß nun sein Sohn schon Hochzeit hält,

XLII.
Und der ... so viel war zu berichten,
Nicht wahr? Doch erst wird Tanja gleich
Gezeigt bei Onkeln, Vettern, Nichten.
Ich kann ja leider nicht mit euch ...
Die Beine ... Richtig invalide.
Ihr seid doch furchtbar reisemüde;
Habt ihr nicht auszuruhen Lust?...
Ich kann nicht mehr ... ach, meine Brust...
Sogar die Freude macht Beschwerden,
Mein Schatz ... und nicht der Kummer bloß;
Mit mir ist wirklich nichts mehr los ...
Wie widerlich, so alt zu werden ...«
Und vor Erschöpfung fing sie dann
Zu weinen und zu husten an.

XLIII.
Die Freude und die lieben Worte
Der Kranken rühren Tanja; doch
Sie fühlt sich fremd am neuen Orte,
Gewöhnt an ihr Zuhause noch.
Dies Bett mit seidenen Portieren
Scheint ihr den Schlummer zu verwehren,
Und Glockenläuten, das schon früh
Ankündet morgendliche Müh,
Zwingt sie, beizeiten aufzustehen.
Tatjana sitzt am Fenster dann,
Das Dunkel weicht; jedoch sie kann
Hier nichts von ihren Feldern sehen:
Nur einen Hof, ihr unbekannt,
Mit Küche, Stall und Bretterwand.

XLIV.
Zu täglich anderen Verwandten
Muß Tanja nun zum Essen gehn
Und Omas, Opas, Onkeln, Tanten
Zerstreut und ungern Rede stehn.
Und als Verwandtschaft aus der Ferne
Empfängt man überall sie gerne
Mit Jubelruf und Gastlichkeit.
»Wie groß sie ist! Wo blieb die Zeit?
Trug ich sie nicht zur Taufe eben?
Und ich hielt sie doch noch empor!
Und ich zog sie doch noch am Ohr!
Und ich hab ihr noch Keks gegeben!«
Und alle Omas fallen ein:
»Wie unsre Jahre fliegen, nein!«

XLV.
Sie aber scheinen unverändert,
Bei ihnen blieb die Zeit wohl stehn:
Noch immer trägt mit Tüll bebändert
Den gleichen Hut princesse Helene;
Gleich schminkt sich noch Lukerja Lwowna,
Gleich flunkert noch Ljubow Petrowna,
Iwan ist noch genauso dumm,
Semjon dreht noch den Rubel rum,
Bei Pelageja trifft man immer
Noch Herrn Finemouche als Hausfreund an,
Gleich blieb ihr Spitz, gleich auch ihr Mann,
Der noch im Klub, im Mitgliedszimmer,
Die Tage brav und taub verbringt
Und stets für zwei noch ißt und trinkt.

XLVI.
Die Basen heißen sie willkommen,
Doch Tanja fühlt sich bei dem Gruß
Von Moskaus Grazien beklommen;
Man mustert sie von Kopf bis Fuß,
Findet sie sonderbar ein wenig,
Zu provinziell und untertänig,
Ein bißchen blaß und gar zu zart,
Doch sonst ganz hübsch auf ihre Art;
Und dann tut die Natur das ihre,
Man lädt sie ein, wird gut bekannt,
Gibt Küßchen, hält sich bei der Hand,
Hilft ihr, sich modisch zu frisieren,
Und man vertraut ihr im Sopran
Manch Mädchenherz–Geheimnis an,

XLVII.
Fremde und eigene Erfolge,
Hoffnungen, Streiche, Träumerein,
In harmloser Berichte Folge
Mit leichter Bosheit Widerschein.
Dann fordern sie als Gegengabe
Für ihr Geplapper, Tanja habe
Ihr Herz nun zu enthüllen auch.
Doch Tanja, der als Schall und Rauch
Erschienen war, was sie da hörte,
Verstand von alledem kein Wort;
Sie hütet ihres Herzens Hort,
Der Glück und Tränen ihr bescherte,
Verschwiegen ganz für sich allein
Und meidet, andre einzuweihn.

XL VIII.
Tatjana müht sich festzustellen,
Wovon ringsum die Rede geht,
Und hört doch nichts in all den Sälen
Als läppische Banalität;
Wie sie da blaß, gelangweilt sitzen,
Selbst wenn Verleumdung sie verspritzen!
In diesem trostlos trocknen Schwall
Aus Tratsch und Klatsch von überall
Nicht ein Gedankenblitz in Tagen,
Sei's aus Versehn, sei's ungewollt!
Der dumpfe Geist kein Lächeln zollt,
Nicht mal zum Spaß die Herzen schlagen.
Selbst Dummheit, die zum Lachen war,
Fehlt dir, o Welt! wie bist du leer!

XLIX.
Die jungen Staatsarchiv-Adlaten
Betrachten Tanja distanziert
Und äußern, als sie sich beraten,
Sich über sie recht indigniert.
Ein unglückseliger Narr hingegen
Fand idealisch sie, weswegen
Er, an die Tür gelehnt, für sie
Schon plante eine Elegie.
Bei einer langweiligen Tante
Nahm Wjasemski mit seinem Witz
Gleich Tanjas Seele in Besitz,
Worauf sich nachher an ihn wandte
Ein Greis, der noch Perücke trug,
Und ihn nach ihrem Namen frug.

L.
Doch dort, wo in gedehnter Länge
Wild Melpomenes Schrei erklang,
Wo vor der ungerührten Menge
Sie ihren Flittermantel schwang,
Wo vor sich hin Thalia döste,
Die kein Applaus vom Schlaf erlöste,
Wo's Terpsichore nur allein
Gelang, die Jugend zu erfreun
(Was schon genauso war vor Jahren,
Zu Ihrer und zu meiner Zeit),
Ward Tanja nicht ein Blick geweiht
Von eifersüchtgen Okularen
Oder genüßlichem Lorgnett
Aus Loge, Sperrsitz und Parkett.

LI.
Sie lernt auch das Sobranje kennen.
Dort ist es voll und laut und schwül,
Die Musik dröhnt, die Kerzen brennen,
Die Paare wirbeln durchs Gewühl,
Der Schönen leichte Ballgarderoben,
Die bunte Menschenmenge oben,
Der Bräute weiter Halbkreis facht
Gleich alle Sinne an mit Macht.
Hier stellen zünftige Modenarren
Zur Schau Zynismus und Gilet
Und ihr gelangweiltes Lorgnett.
Hier eiln beurlaubte Husaren,
Den großen Auftritt abzuziehn:
Brilliern, Erobern und Entfliehn.

LII.
Viel Sterne schmücken nachts den Himmel
Und Moskau manche schöne Frau,
Doch all der anderen Gewimmel
Verblaßt vor Lunas Glanz im Blau.
Und die, an die ich scheu nur denke,
Daß meine Leier sie nicht kränke,
Glänzt königlich wie Lunas Strahl
Ob aller Weiblichkeit im Saal.
Wie himmlisch stolz ist die Bewegung,
Mit der sie unsre Erde streift!
Wie ist die Brust zur Lust gereift!
Wie zaubermatt des Blickes Regung!...
Doch still, kein weitres Wort; halt an:
Der Torheit ist genug getan.

LIII.
Das lärmt und lacht und grüßt in Eile,
Galopp, Mazurka, Walzer ... Doch,
Zwischen zwei Tanten, an der Säule,
Bisher bemerkt von niemand noch,
Schaut Tanja blicklos auf die Menge;
Sie haßt der großen Welt Gedränge,
Ihr wird hier übel... und ihr Traum
Schweift heim aufs Land zu Feld und Baum,
Zum armen Volk, zum Dorf der Ahnen,
In ihr versponnenes Idyll,
Wo Bächlein murmeln klar und still,
Zu ihren Blumen und Romanen,
In schattiger Alleen Grün,
Dorthin, wo er ihr einst erschien.

LIV.
Dieweil sie so ins Weite sendet
Den Sinn, vergißt sie Welt und Ball,
Indes von ihr kein Auge wendet
Ein würdevoller General.
Zuzwinkern sich die Tanten beide
Und stoßen Tanja an voll Freude,
Und jede flüstert auf der Stell:
– »Schau mal nach links hinüber, schnell!« —
»Nach links? Was gibt's denn da zu sehen?«
– »Was es auch sein mag, schau nur hin!...
Da vorne in dem Grüppchen drin,
Wo noch zwei Offiziere stehen ...
Jetzt geht er ... dreht sich um nochmal...« –
»Was denn? Der dicke General?«

LV.
Laßt hier zum Sieg uns gratulieren
Tatjana, die mir so gefällt,
Und seitwärts unsern Weg dann führen,
Nicht zu vergessen, wer mein Held ...
Ja, übrigens, daß ich's gleich sage:
Ich sing des jungen Freundes Tage
Und seine vielen Kauzerein.
So segne denn die Mühe mein,
Epische Muse, daß dein Sänger,
Dank dem von Dir verliehnen Stab,
Nicht irr vom rechten Wege ab.
Genug! Das drückt mich nun nicht länger!
Gewahrt ist die Klassizität,
Kommt auch der Anruf ziemlich spät.


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Оригінал твору

Бібліотека ім. О. С. Пушкіна (м. Київ).
А.С. Пушкин. Полное собрание сочинений в десяти томах

 

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