Jewgeni Onegin. Sechstes Kapitel
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SECHSTES KAPITEL

La sotto i giorni nubilosi e brevi,
Nasce una gente a cui'l morir non dole.*

(Petrarca)


*Dort unter nebligen und kurzen Tagen
Erwächst ein Volk, das Schmerz nicht spürt beim Sterben.
I.

Lenskis Verschwinden merkt Onegin,
Worauf er sich in Schweigen hüllt,
Erneut dem Überdruß erlegen,
Sobald sein Rachedurst gestillt.
Wie er ward bald auch Olga müder,
Ihr Blick sucht Lenski immer wieder,
Der Cotillon fällt, endlos fast,
Ihr wie ein dumpfer Traum zur Last.
Dann ist er aus. Man geht zu Tische.
Man richtet Betten; für die Nacht
Wird jeder Raum zurechtgemacht,
Selbst Mägdekammer, Flur und Nische,
Denn jeder braucht jetzt Schlaf. Und nur
Onegin gleich nach Hause fuhr.

II.
Zur Ruh kam alles; in dem guten
Salon schwer schnarchend Pustjakow
Und seine schwere Hälfte ruhten;
Gwosdin, Bujanow, Petuschkow
Und Fljanow (mit verkorkstem Magen)
Im Speisesaal auf Stühlen lagen,
Davor am Boden Herr Triquet
In Wattejacke und Cachenez.
Die Jungfern schliefen in Tatjanas
Und Olgas Zimmern auch schon lang;
Allein Tatjana, wehmutsbang,
Beschienen von dem Strahl Dianas,
Am Fenster keine Ruhe fand
Und sah hinaus ins dunkle Land.

III.
Daß er zu ihrem Fest gekommen,
Sie kurz, doch zärtlich angeblickt
Und dann so seltsam sich benommen
Mit Olga – alles das bedrückt
Die Seele ihr zutiefst; verstehen
Kann sie ihn nicht; sie spürt das
Wehen Der Eifersucht, die sie erregt,
Als wenn sich kalt ums Herz ihr legt
Ein Würgegriff, als ob mit Brüllen
Sich vor ihr auftut schwarz ein Schlund...
Und Tanja sagt: »Ich geh zugrund,
Und tu's doch gern um seinetwillen.
Ich hadre nicht mit dem Geschick;
Er kann nicht geben mir das Glück.«

IV.
Voran, voran, meine Historie!
Ein neuer Held steht schon bereit.
Es lebt fünf Werst von Krasnogorje,
Dem Gute Lenskis, noch bis heut
Gesund und froh auf seinem Hofe
Als weltentrückter Philosophe
Sarezki, der einst ein Filou
Und Kartenspieler war, dazu
Tribun der Kneipenschwärmerbande —
Sitzt jetzt, wer hätte das geglaubt,
Als lediges Familienhaupt
Treu, brav und friedlich auf dem Lande
Und ist sogar ein Ehrenmann:
So schreitet unsre Zeit voran!

V.
Einst pries man nach mondäner Sitte
An ihm den Mut: gefährlich brav!
Wahr ist, daß er auf fünfzehn Schritte
Ein As mit der Pistole traf,
Und auch im Kriege, muß man sagen,
Hat er sich vorbildlich geschlagen,
Als er in wahrem Rauschgefühl
Von seinem Panjepferdchen fiel
Sternhagelvoll, gleich festgenommen
Von den Franzosen: welch ein Hort!
Gleich Regulus auf Ehrenwort
Bereit, zur Haft zurückzukommen,
Um anzuschreiben bei Very
Drei Flaschen täglich in der Früh.

VI.
Oft zog er andre auf mit Freuden
Und legte die, die wirklich dumm,
Genauso rein wie die Gescheiten,
Sei's gradezu, sei's hintenrum.
Zwar ging aus manch einer Affäre
Auch er hervor nicht ohne Lehre,
Zwar hatt auch er sich schon verrannt,
So daß er keinen Ausweg fand —
Doch er verstand, mit Witz zu streiten,
Bescheid zu tun, heiß oder kalt,
Berechnend zu verstummen bald,
Berechnend zum Eklat zu schreiten,
Bis er zwei junge Freunde dann
Vor die Barrieren stellen kann,

VII.
Beziehungsweise zur Versöhnung
Zu dritt ein Frühstück arrangiert
Und später heimlich zur Verhöhnung
Von beiden Lügen kolportiert.
Sed alia temporal Die Streiche
(Von Liebesträumen gilt das gleiche)
Vergehn uns mit der Jugendzeit.
So hat sich mein Sarezki heut
Im Duft von Faulbaum und Akazien,
Wie schon gesagt, zur Ruh gesetzt
Und lebt als wahrer Weiser jetzt,
Indem er Kohl pflanzt gleich Horazen,
Enten– und Gänsezucht betreibt
Und mit den Kindern liest und schreibt.

VIII.
Dumm war er nicht; und mein Onegin,
Der ihn als Menschen zwar nicht ehrt,
Mocht ihn des Sachverstandes wegen,
Womit er dies und das erklärt:
So sprach er hin und wieder gerne
Mit ihm und war auch nicht von ferne
Erstaunt, als der frühmorgens schon
Bei ihm sich einfand im Salon.
Sarezki schwieg etwas betreten,
Nachdem sie sich begrüßt, und gab
Sodann mit breitem Grinsen ab
Ein Briefchen unseres Poeten.
Onegin trat aufs Fenster zu
Und überflog's für sich im Nu.

IX.
Es war die höflich ausgestellte
Ausforderung, genannt Kartell,
Mit der in förmlich klarer Kälte
Lenski den Freund lud zum Duell.
Zum Überbringer dieser Zeilen
Sprach, ohne lange zu verweilen,
Mit schöner Selbstverständlichkeit
Onegin: Allezeit bereit.
Sein Gast versetzte nichts dagegen,
Stand auf und strebte schon hinaus,
Er habe viel zu tun zu Haus,
Und war verschwunden; doch Onegin,
Mit seiner Seele nun allein,
War er mit sich zufrieden? Nein.

X.
Und ganz zu Recht: Als er mit Strenge
Ging mit sich selber ins Gericht,
Fand er Verfehlungen die Menge:
Zum ersten schon gehört sich's nicht,
Der zarten Liebe scheues Sehnen
So, wie er gestern, zu verhöhnen.
Sodann: spielt auch verrückt sogar
Der Dichter – er ist achtzehn Jahr,
Da ist's verzeihlich. Und Onegin,
Der wirklich mag den jungen Mann,
Hätt sich doch zeigen müssen dann
Als Vorurteilen überlegen
Und nicht als Raufbold, kindisch dreist,
Sondern als Mann von Ehr' und Geist.

XL
Hätt er gezeigt doch sein Gewissen
Und nicht gesträubt sich wie ein Tier;
Er hätte doch entwaffnen müssen
Das junge Herz. »Jedoch dafür
Ist leider der Moment verpaßt schon ...
Auch « – denkt er – » ist damit befaßt schon
Ein eingefleischter Duellist,
Der klatscht, der niederträchtig ist...
Eine verächtliche Erscheinung,
Natürlich; doch ein Flüstern schon,
Und dann der Toren lauter Hohn ...«
Ja, ja, die öffentliche Meinung!
Der Götze Ehre treibt uns an –
Und darum dreht die Welt sich dann!

XII.
Der Dichter, brennend auf die Fehde,
Kann kaum erwarten mehr die Zeit;
Da bringt in wohlgesetzter Rede
Der Nachbar freudig den Bescheid.
Das kam der Eifersucht gelegen!
Bangt' er doch ständig, daß Onegin
Den Fall ins Lächerliche zieht
Und so mit einem Trick entflieht
Dem Zwange, sich als Mann zu schlagen.
Nun sind die Zweifel ausgeräumt:
Sie fahren also ungesäumt
Zur Mühle morgen früh im Wagen
Und laden, spannen, treten vor
Und zieln auf Schenkel oder Ohr.

XIII.
Lenski, zu hassen wild entschlossen,
Will, wegen Olgas Extratour,
Sie meiden, bis er sich geschossen,
Schaut auf die Sonne, auf die Uhr,
Und läßt dann doch den Vorsatz fahren –
Und schon ist er im Hause Larin.
Er dachte wohl, sie war verstört,
Wenn sie von seiner Ankunft hört;
Doch weit gefehlt: Um zu begrüßen
Den armen Sänger, sprang geschwind
Die Trepp' hinab sein Olgakind,
Der Hoffnung gleich, auf leichten Füßen,
So fröhlich, jeder Sorge bar,
Genauso, wie sie immer war.

XIV.
»Was trieb Sie gestern fort so frühe?«
War Olgas allererstes Wort.
Lenski begriff das nur mit Mühe
Und stand dann stumm bedeppert dort.
Die Eifersucht war auf der Stelle
Dahin vor dieses Blickes Helle,
Vor dieser schlichten Herzlichkeit,
Vor dieser Unbekümmertheit!...
Er schaut sie an und will vergehen;
Er sieht: er wird ja noch geliebt;
Er möchte, reuevoll betrübt,
Von ihr Vergebung schon erflehen,
Er zittert, sucht nach Worten, und
Ist glücklich, ist schon fast gesund ...

XV. XVI. XVII.
Dann, wiederum betrübt im Innern,
Traut sich Wladimir offenbar
Nicht, seine Olga zu erinnern
An alles das, was gestern war.
Er denkt: »Zu ihrem Heil und Glücke
Bekämpf ich des Verderbers Tücke,
Daß er nicht schmeichelnd und verrucht
Das jugendliche Herz versucht;
Daß nicht im Lilienstengel wüte
Der Wurm von Abscheu, Gift und Hohn;
Daß nicht am zweiten Morgen schon
Hinwelke die kaum Halberblühte!«
Mit alledem ist schlicht gemeint:
Ich schieße mich mit meinem Freund.

XVIII.
Hätt er gewußt nur, welche Wunde
In meiner Tanja Herz jetzt pocht,
Und hätt Tatjana irgend Kunde,
Hätt sie zu ahnen nur vermocht,
Daß morgen Lenski und Onegin
Das Los um Tod und Leben zögen,
Ach, ihre Liebe hätt wohl gar
Wieder vereint das Freundespaar!
Doch hatte nicht mal aus Versehen
Jemand erfahren von dem Plan.
Onegin schwieg als Ehrenmann,
Tatjana litt nur ungesehen;
So blieb die Njanja nur allein,
Und der fiel nie was auf und ein.

XIX.
Zerstreut den ganzen Abend über,
War Lenski schweigsam bald, bald froh;
Doch wen die Muse früh schon lieber
Als andre hat, der ist halt so.
Stirnrunzelnd griff am Klavichorde
Er weiter nichts als nur Akkorde
Und flüsterte zu Olga hin:
»Es stimmt doch, daß ich glücklich bin?
Doch jetzt muß ich nach Haus.« So enge
Ward da sein Herz vor stillem Gram;
Und als er von ihr Abschied nahm,
Da war es ihm, als ob's zerspränge.
Sie schaut ihn an und wagt das Wort:
»Was ist mit Ihnen?« – »Nichts.« – Und fort.

XX.
Bei Kerzenschein legt er sich nieder,
Schaut die Pistolen nach, darauf
Tut er sie in den Koffer wieder
Und schlägt dann seinen Schiller auf;
Doch nur ein einziger Gedanke
Bewegt sein Herz, das sehnsuchtkranke:
Und er vermeint, unsagbar schön,
Jetzt Olgas Bild vor sich zu sehn.
Wladimir läßt das Lesen bleiben
Und greift zur Feder: Ein Gedicht
Voll von verliebtem Unsinn, bricht
Sich tönend Bahn. Er spricht's beim Schreiben
Laut vor in lyrischem Elan,
Wie's Delwig oft im Rausch getan.

XXI.
Die Verse haben sich gefunden,
Zum Glück besitz ich sie noch heut:
»Wohin, wohin bist du entschwunden,
Du meines Frühlings güldne Zeit?
Was wird der neue Tag mir bringen?
Vergebens sucht mein Blick zu dringen
Ins tiefe Dunkel, das ihn hüllt.
Wozu? Mein Schicksal wird erfüllt.
Und stürzt' ich hin, durchbohrt vom Pfeile,
Und stund ich, weil er mich nicht traf,
Recht ist's: Das Wachen wie der Schlaf
Hat seine vorbestimmte Weile;
Ein Heil dem Tag, der Sorgen bringt,
Ein Heil dem Dunkel, wenn es sinkt!

XXII.
Auch morgen strahlt des Frühlichts Labe,
Und hell erglänzt der heitre Tag,
Doch meiner harrt vielleicht im Grabe
Geheimnisvoller Schattenhag.
Des jungen Dichters Angedenken
Wird Lethes stiller Strom ertränken,
Vergessen mich die Welt; doch du,
Wirst du der frühen Urne Ruh,
O Schöne, deine Zähre borgen
Und denken: Ja, er liebte mich,
Nur mir alleine weihte sich
Des wilden Lebens Trauermorgen! ...
Ersehnte Herzensfreundin mein,
O komm: dein Gatte harret dein!...«

XXIII.
So schrieb er dunkel und gebrochen
(Man sagt, daß das Romantik sei,
Ich finde daran ausgesprochen
Romantisch nichts – doch einerlei!),
Und kurz vorm Frührot sank am Ende
Das müde Haupt ihm auf die Hände,
Beim Stichwort Ideal du mein
Schlief Lenski still und leise ein.
Doch kaum fand er in Traumes Armen
Vergessen, als mit lautem Schritt
Der Nachbar sein Gemach betritt,
Um ihn zu wecken ohn Erbarmen:
»Steht auf: die Uhr ist sieben gleich.
Onegin wartet schon auf Euch.«

XXIV.
Jedoch, er täuschte sich: In Wahrheit
Schlief da Onegin noch wie tot.
Nachtschatten wichen schon der Klarheit,
Längst grüßt' der Hahn das Morgenrot;
Onegin schläft ganz unbekümmert.
Im Strahl der jungen Sonne schimmert,
Vom Kräuselwinde leicht gewiegt,
Der Schneestaub glitzernd; doch es liegt
Im Bett noch immer mein Onegin,
Beschattet von des Schlafes Macht.
Da endlich ist er aufgewacht,
Steht auf, den Vorhang zu bewegen,
Schaut durch den Spalt und sieht – o Schreck,
Er müßte ja schon lange weg.

XXV.
Rasch klingelt er. Da tritt ins Zimmer
Sein Diener, der Franzos Guillot,
Bringt Hausschuh, Morgenrock wie immer,
Und reicht ihm Hemd an und Jabot.
Onegin schlüpft in seine Sachen
Und heißt Guillot sich fertigmachen
Zur Ausfahrt und zu richten auch
Das Köfferchen zum Kampf gebrauch.
Der Schlitten steht alsbald am Tore,
Schon jagen sie zur Mühle los,
Sind da, und schon trägt der Franzos
Lepages verhängnisvolle Rohre
Ihm nach. Er schickt die Pferde fort
Ins Feld zu den zwei Eichen dort.

XXVI.
Am Wehre, das den Bach versperrte,
Längst ungeduldig Lenski lehnt,
Indes Sarezki als Experte
Am Mühlstein die Mechanik höhnt.
Sogleich entschuldigt sich Onegin.
Sarezki fragt erstaunt dagegen:
»Ja, wo ist denn Ihr Sekundant?«
Als klassischer Duellpedant
Hatt' er Geschmack an der Methode,
Und einen Menschen ließ er nie
Umlegen einfach irgendwie,
Nein, nur nach altbewährtem Kode
Und allen Regeln strenger Kunst
(Wodurch er steigt in unsrer Gunst).

XXVII.
»Mein Sekundant?« versetzt Onegin,
»Mein Freund hier ist's, Monsieur Guillot.
Dem Vorschlag steht wohl nichts entgegen,
Zumindest wüßt ich nicht, wieso:
Ein Mann, den zwar nicht alle kennen,
Doch sicher ehrenwert zu nennen.«
Sarezki schluckt noch an dem Wort,
Onegin aber fährt gleich fort:
»Beginnen wir?« – »Ja, meinetwegen«,
Antwortet Lenski. Und sie gehn
Hinter die Mühle. Abseits stehn,
Die Konditionen festzulegen,
Sarezki und sein Ehrenmann.
Die Feinde schauen sich nicht an.

XXVIII.
Die Feinde! Ach, wie lang denn lag es
Zurück, daß Blutdurst sie entzweit?
Wie lang war's her, daß sie des Tages
Gespräch und Mahl und freie Zeit
Vereint verbracht? Und nun, verbissen
Und wie von Erbfeindschaft zerrissen,
Gleichsam in eines Alptraums Nacht,
Ist jeder still für sich bedacht,
Kaltblütig Unheil anzurichten...
Tat ihnen nicht ein Lachen gut,
Eh ihre Hand sich färbt mit Blut,
Ließ' sich der Streit nicht gütlich schlichten?
Doch mehr als alles scheut die Welt,
Was fälschlich sie für Schande hält.
XXIX.
Die Läufe der Pistolen blitzen,
Hell klingt der Ladestock aus Stahl,
Im Lauf alsbald die Kugeln sitzen,
Es knackt der Hahn zum erstenmal.
Das Pulver rieselt auf die Pfannen
In grauem Strahl. Noch ist zu spannen
Der Bolzen, feuersteinbewehrt
Und gut verschraubt. Da lenkt verstört
Zum nächsten Baum Guillot die Tritte.
Der Gegner Mäntel liegen schon.
Sarezki mißt mit Präzision
Jetzt ab die zweiunddreißig Schritte,
Führt jeden Freund zu seinem Rand,
Drückt ihm die Waffe in die Hand.

XXX.
»Nun tretet an!« – Und kalten Blutes,
Die Waffen noch gesenkt in Ruh,
Tun beide Gegner festen Mutes
Vier Schritte aufeinander zu,
Vier Stufen auf der Todesleiter.
Jewgeni hebt, indem er weiter
Vorangeht, die Pistole sacht
Als erster an. Schon sind gemacht
Fünf weitre Schritte, und zum Zielen
Kneift jetzt das linke Auge zu
Auch Lenski – doch im gleichen Nu
Schon drückt Onegin ab ... Es fielen
Die Lose schon: Der Dichter hält
Im Schreiten ein, die Waffe fällt,

XXXI.
Er hebt die Hand noch still zum Herzen
Und bricht zusammen. Und sein Blick
Malt trüb den Tod nur, keine Schmerzen.
So löst am Berge still ein Stück
Vom Schnee sich in der Sonne Blinken,
Um leis den Hang hinabzusinken.
Onegin schaudert es. Er fliegt
Zur Stelle, wo der Jüngling liegt,
Er schaut, er ruft ihn an ... vergebens:
Der junge Sänger ist nicht mehr.
Ein allzu frühes End fand er,
Sturm ließ die Blüte seines Lebens
Verwelken, als noch Morgen war,
Das Feuer losch auf dem Altar!...

XXXII.
Da lag er, reglos, seltsam offen
Die Stirne, müden Friedens voll.
Wo das Geschoß die Brust getroffen,
Der Wunde dampfend Blut entquoll.
Und dieses Herz war doch noch eben
Erfüllt von der Begeistrung Beben,
Von Feindschaft, Hoffnung, Liebesglut,
Dort pulste Leben, heißes Blut! –
Und jetzt, wie wenn ein Haus verlassen,
Herrscht Stille dort und Dunkelheit;
Es ist verstummt für alle Zeit.
Die Läden dicht, die Fenster blassen
Von Kreide weiß. Die Hausfrau floh.
Wohin? Gott weiß. Ins Nirgendwo.

XXXIII.
Wohl tut's, den Feind mit Epigrammen
Zu treffen, wenn er nicht dran denkt;
Wohl tut's, zu sehn, wenn er, zum Rammen
Die Hörner schon voll Wut gesenkt,
Zufällig in den Spiegel schaute,
Und ihm dann vor sich selber graute;
Und wohler, wenn er außer sich
Aus Blödheit brüllt: Das bin ja ich!
Noch wohler tut es, ihm im stillen
Zu wünschen einen Ehrenkranz
Und dann aus nobeler Distanz
Auf seine blasse Stirn zu zielen;
Doch wirklich zu den Vätern gleich
Ihn schicken, wird kaum wohltun Euch.

XXXIV.
Wie, wenn durch Sie in solcher Fehde
Ein junger Freund gefallen war,
Der Sie mit Blicken oder Rede
Und derlei Nichtigkeiten mehr
Beleidigte im Zecherkreise
Oder der selbst, gereizterweise,
Sie stolz vor die Barrieren lud:
Wie war es Ihnen dann zumut,
Was überkommt Sie, wenn vor Ihnen
Er regungslos am Boden liegt,
Die Stirne schon vom Tod besiegt,
Wenn Starrheit schleicht in seine Mienen,
Wenn Ihr entsetzter Anruf dann
Ihn schon nicht mehr erreichen kann?

XXXV.
Onegin schaut, die Waffe pressend,
In quälender Gewissensnot
Auf Lenski hin, sich selbst vergessend.
Der Nachbar schließt: »Tja, der ist tot.«
Ist tot! ... Dies Schreckenswort erschüttert
Onegin tief. Er geht und zittert
Und ruft nach seiner Dienerschaft.
Sarezki legt gewissenhaft
Den kalten Leichnam auf den Schlitten
Und fährt den grausen Schatz nach Haus.
Unruhig schnaubend schlagen aus
Die Pferde, die den Toten wittern,
Schaum flockt auf den Kandaren schon,
Und wie der Blitz sind sie davon.

XXXVI.
Ihr, Freunde, klagt um den Poeten:
Erblüht zu hoffnungsfrohem Tun,
Das noch nicht in die Welt getreten,
Ist er, kaum aus den Kinderschuhn,
Verwelkt! Wo ist das heiße Beben,
Wo ist das hohe, edle Streben
Von Denken und Empfinden, jung,
Erhaben, innig und voll Schwung?
Wo ist der Liebe wild Begehren
Und Wissensdurst und Tatendrang,
Und Scheu vor Laster, Schmach und Zwang,
Und ihr, geliebteste Chimären
Der erdentrückten Phantasie,
Ihr, Träume hehrer Poesie!

XXXVII.
Vielleicht war er zum Heil der Erde
Geboren, oder doch zum Ruhm,
Daß einst ein Ton vernommen werde
Von seiner Leier, die nun stumm,
Der fort in fernste Zeiten klänge.
Vielleicht war in der Welt der Ränge
Ihm zugedacht ein hoher Rang.
Vielleicht auch nahm im Untergang
Mit sich sein märtyrhafter Schatten
Ein heiliges Geheimnis, und
Sein zeugend Wort wird nie uns kund,
Nun, da durch seines Grabes Platten
Nie mehr der Zeiten Hymnus dringt,
Der Völker Lobpreis nie ihm singt.

XXXVIII. XXXIX.
Doch war's vielleicht auch so gekommen:
Ein Los wie viele andre halt.
Des Jünglings Glut war rasch verglommen,
Erkaltet seine Seele bald.
Er hätte sich, anstatt zu dichten,
Vermählt, um sich dann einzurichten
Als Hahnrei glücklich auf dem Land;
Im Watteschlafrock als Gewand
Hätt er erfahrn das wahre Leben,
Mit vierzig Podagra gehabt,
Sich stumpf an Speis und Trank gelabt,
Stets dicker, kränker, bis umgeben
Von Kindern, Weibern, Badern er
In seinem Bett gestorben war.

XL.
Jedoch, wie dem auch sei, mein Leser,
O weh, der junge Liebesheld,
Poet und tiefe Traumverweser
Ist nun von Freundeshand gefällt.
Vorn Gut, wo der Begeistrung Quelle
Ihn nährte, liegt linksab die Stelle:
Zwei Kiefern dort verwachsen sind
Mit ihren Wurzeln, und es rinnt
Der nachbarliche Bach darunter;
Dort ruht der Pflüger gern im Gras,
Dort schöpft die Schnitterin vom Naß,
Und ihre Krüge klingen munter;
Dort steht im tiefsten Schattenhain
Am Bach ein schlichtes Mal aus Stein.

XLI.
Dort sitzt (im Frühjahr Obdach findend,
Wenn Regen lind die Flur besprüht)
Der Hirt, den bunten Bastschuh bindend,
Und singt ein Wolgafischerlied.
Und jene junge Unbekannte,
Die, sommersüber auf dem Lande,
Der Stadt entflohen, ganz allein
Gern im Galopp sprengt querfeldein,
Hier zügelt sie ihr Roß im Rennen,
Hält an und hebt den dünnen Flor
Auf ihren Sommerhut empor,
Um besser lesen so zu können
Die schlichte Inschrift – und benetzt
Von Tränen glänzt ihr Auge jetzt.

XLII.
Im Schritt schon reitet fort aufs Feld sie
Mit traumverlorner Seele dann,
Und lange unwillkürlich hält sie
Das Schicksal Lenskis noch in Bann;
Sie denkt: »Wie's Olga wohl ergangen?
Blieb lang ihr Herz im Schmerz gefangen,
War bald der Tränen Frist gesetzt?
Und wo ist ihre Schwester jetzt?
Wo ist der Welt– und Menschenflüchter,
Der Modeliebchen modisch haßt,
Der wetterwendische Phantast,
Der hier erschoß den jungen Dichter?«
Geduld! Ich geb euch mit der Zeit
Bericht von jeder Einzelheit,

XLIII.
Nur jetzt nicht. Wohl hab ich gebührlich
Von Herzen meinen Helden gern
Und komm auf ihn zurück natürlich,
Doch im Moment liegt er mir fern.
Mein Alter drängt zur strengen Prose,
Vertreibt die Poesie, die lose,
Und ich – mit Seufzen sei's bekannt –
Umwerb sie nicht mehr so galant.
Die Feder mag auf leichten Bögen
Nicht froh wie früher Linien ziehn;
Ganz andre, kalte Phantasien,
Ganz andre, ernste Sorgen regen
Im Stillen wie im Weltenlauf
Die Träume meiner Seele auf.

XLIV.
Ich lernte andre Wünschbarkeiten,
Ich lernte neue Traurigkeit;
Die frühren spür ich mir entgleiten,
Um alte Trauer tut mir's leid.
Wo seid ihr, Träume, Täuschungstugend?
Wo bist du, ewiger Reim drauf –.Jugend?
Ist denn am Ende wirklich ganz
Verwelkt, verwelkt dein Blütenkranz?
Ist – nicht elegisch übertrieben,
Vielmehr in voller Wirklichkeit –
Vorüber meine Frühlingszeit
(Was ich sonst oft im Scherz geschrieben)?
Kommt nie sie wieder, ist das wahr?
Bin ich im Ernst bald dreißig Jahr?

XLV.
Jawohl, der Mittag naht, bequemen
Muß ich mich wohl, das einzusehn.
So will als Freund ich Abschied nehmen
Von dir, o Jugend leicht und schön!
So sag ich Dank denn für Genüsse,
Für Wehmut, liebliche Verdrüsse,
Lärm, Stürme, manches reiche Mahl,
Für deiner Gaben ganze Zahl
Sag ich dir Dank. Zur Zeit der Nöte,
Zur Zeit der Stille hab ich dich
Genossen ... und zwar ordentlich;
Genug! Mit klarer Seele trete
Ich an zu neuen Wegen nun,
Vom frühren Leben auszuruhn.

XLVI.
Ein Blick zurück. Lebt wohl, ihr Räume,
Wo lange Jahre auf dem Land
Die Seele aussann tiefe Träume,
Ich Leidenschaft und Muße fand.
Du, junge Eingebung vor allem,
Laß noch die Phantasie mir wallen,
Beleb des Herzens Schläfrigkeit,
Flieg oft in meine Einsamkeit,
Daß mir die Seele nicht vereise,
Verbittert werde, spröd und hart,
Und schließlich ganz zu Stein erstarrt
Im Taumelgift mondäner Kreise,
In diesem trüben Pfuhl, wo ich
Mit euch, ihr Freunde, suhle mich!


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Оригінал твору

Бібліотека ім. О. С. Пушкіна (м. Київ).
А.С. Пушкин. Полное собрание сочинений в десяти томах

 

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