Jewgeni Onegin. Fünftes Kapitel
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FÜNFTES KAPITEL

O Swetlana, kenne nie
Solche schlimmen Träume!

(Schukowski)

I.

Viel länger, als man angenommen,
Blieb es noch Herbst in diesem Jahr;
Der Winter wollt und wollt nicht kommen,
Und Schnee fiel erst im Januar,
Am zweiten nachts. Tat]ana machte
Den Vorhang auf, als sie erwachte,
Und sah ganz weiß den Hof, das Beet,
Das Scheunendach und das Staket,
Die Scheiben voller zarter Zeichen,
Die Bäume wintersilberklar,
Im Hof der Elstern muntre Schar,
Und weit, soweit die Hügel reichen,
Des Winterteppiches Gegleiß.
Und alles, alles blendend weiß.


Winter! ... Der Bauer bahnt mit Freuden
Im flachen Schlitten neu den Weg;
Sein Pferdchen mag den Schnee wohl leiden
Und trottet nicht mehr ganz so trag;
Neben die Tupfen von den Hufen
Ziehn weichen Strich die Schlittenkufen;
Der Kutscher sitzt auf seinem Bock
Im roten Gurt, im Lammfellrock.
Ein Bauernbub läuft durchs Gelände,
Der seinen Waldi rodeln lehrt
Und dabei selber spielt das Pferd,
Der Schelm hat schon ganz blaue Hände:
Bald weint er, und bald lacht er mehr,
Und Mutter droht vom Fenster her ...

IІІ


Jedoch, es stößt Sie ab, womöglich,
Derartig simpler Bilder Stil:
Natur ist all das, flach, alltäglich;
Erlesnes gibt es da nicht viel.
Es wußt, erwärmt von Phöbus' Strahlen,
Ein andrer Dichter uns zu malen
Grandios den Ersten Schnee bereits
Und jeden winterlichen Reiz;
Der spricht Sie an, ich schwör es Ihnen,
Wenn er in Versen flammend rein
Beschreibt die Schlittenfahrt zu zwein;
So will ich mich auch nicht erkühnen,
Ihm abzulaufen seinen Rang,
Noch Dir, der Finnlands Maid besang!

IV


Tatjana (Russin in der Seele –
Warum, das war ihr selbst nicht klar)
Fand in der Pracht der kalten Helle
Den russischen Winter wunderbar,
Den Sonnenschein, das Rauhreifflimmern,
Die Schlittenfahrt, das rosa Schimmern
Des Schnees, wenn spät der Tag erwacht,
Den Abend vor der zwölften Nacht.
Sein Dunkel diente wie vorzeiten
Bei ihr zu Haus dem alten Brauch,
Daß alle Mägde eben auch
Für ihre Fräuleins prophezeiten
Und Jahr für Jahr verhießen dann
Zum langen Weg den Reitersmann.

V


Tatjana glaubte all dem Wesen,
Wie's altersher im Volke wohnt:
Traumdeuterei und Kartenlesen
Und Prophezeiung aus dem Mond.
Vorzeichen ließen sie erbeben,
Und jedes Dings geheimes Weben
Schien ihr bedeutsam irgendwie;
Vorahnungen bedrängten sie:
Putzt auf dem Ofen sich possierlich
Der Kater schnurrend seinen Bart,
War dies ein Zeichen sichrer Art,
Daß Gäste kommen; und wenn zierlich
Des Mondes junge Sichel stand
Am Himmel, aber linkerhand,


Erschrak sie und verlor die Farbe;
Und wenn vom dunklen Himmel hell
Ein Stern herabschoß, um als Garbe
Rasch zu zerstieben, sucht' sie schnell
Ihre Gedanken zu entwirren,
Um rasch, noch bei des Sternes Schwirren,
Den Herzenswunsch ihm zu gestehn.
Doch sollt es ihr einmal geschehn,
Daß kam ein schwarzer Mönch gegangen,
Daß gar ein Hase überquer
Den Weg ihr kreuzt' von ungefähr,
Wußt sie vor Schreck nichts anzufangen,
Und unter schlimmer Ahnung Last
War sie auf Unheil schon gefaßt.

VIІ


Na und? Geheimen Reiz verschaffen
Ihr Schauder und Entsetzen noch:
So hat uns die Natur erschaffen,
Neigt sie zu Widersprüchen doch.
Doch nun war Julzeit: Welche Freude!
Nun lockt der Zukunft Rätsel beide:
Der Jugend Unbekümmertheit,
Vor der das Leben liegt so weit,
Unüberschaubar, Glanz und Fülle ...
Das Alter, das am Grabestor
Unrettbar alles schon verlor
Und dennoch rätselt durch die Brille.
Gleichwohl: die Hoffnung trügt sie all
Mit ihrem kindischen Gelall.

VIІІ


Tatjana schaut jetzt voll Erwartung,
Wie das geschmolzne Wachs gerinnt:
Der Formen wunderliche Artung
Ihr wundersamen Sinn gewinnt.
Aus einem Krug, wo sie geschwommen,
Wird Ring um Ring herausgenommen,
Und sie bekommt ihr Ringlein auch,
Wobei man singt nach altem Brauch:
»So reich sind dort die Mannsleut alle,
Das Silber scheffeln sie nur so:
Der, dem wir singen, der sei froh!«
Verlust verheißt in diesem Falle
Der traurige Refrain des Lieds,
Drum mögen Mädchen mehr die »Miez«.

IX


Die Nacht ist kalt; am klaren Himmel
Dreht sich der Sterne stiller Chor
In wunderprächtigem Gewimmel...
Tatj ana tritt hinaus vors Tor
Im offnen Kleidchen, um mit Beben
Den Spiegel hin zum Mond zu heben;
Doch aus dem dunklen Glas blickt nur
Des Mondes traurige Kontur ...
Da knirscht der Schnee ... ein Mann; die Schöne
Zu ihm auf Zehenspitzen springt,
Und süßer noch ihr Stimmchen klingt
Als einer Hirtenflöte Töne:
»Ihr Vorname?« – Er schaut sie an
Und antwortet: »Korbinian!«

X


Auf ihrer Amme Rat schickt Tanja
Bei Nacht sich an zur Zauberei,
Und insgeheim ließ in der Banja
Den Tisch sie decken schon für zwei;
Doch plötzlich schaudert es Tatjana …
Und – beim Gedanken an Swetlana
Ging mir's genauso — einerlei...
Es wird nichts aus der Zauberei.
Tatjana löst die Seidenschließen
Des Gürtels, zieht sich aus und liegt
Im Bett, wo Lei ihr Haupt umfliegt
Und unter ihrem Daunenkissen
Sich birgt ihr Jungfernspiegelein.
Verstummt ist alles. Sie schläft ein.


Und schaut im Traume Wunderdinge.
Ihr ist im Traum, als ob im Schnee
Sie über eine Lichtung ginge
Und Nebel traurig sie umweh;
Vor ihr, wo hoch der Schnee sich türmte,
In wildem Wirbel tosend stürmte
Graugischtend finster hin und jach,
Vom Winter ungezähmt, ein Bach;
Von einer Scholle Eis gehalten
Zwei Stöckchen, und verhängnisdünn
Ein schwankes Brückchen drüberhm;
Und vor den tosenden Gewalten
Von Ungewißheit übermannt,
Blieb sie da stehen, wo sie stand.

XІІ


Als wollt er sie nicht weiter lassen,
Verwünscht den Bach Tatjana laut;
Von drüben ihre Hand zu fassen,
Ist niemand da, wohin sie schaut;
Doch da: im Schnee scheint sich's zu regen.
Und wer erhebt sich ihr entgegen?
Ein großer, zotteliger Bär!
Tatjana: »Ach!« Und laut brummt er,
Die Tatze mit den scharfen Krallen
Streckt er ihr hin; sie rafft sich auf,
Stützt zag ihr zartes Händchen drauf,
Geht los, in steter Angst zu fallen,
Hat endlich hinter sich den Bach;
Läuft weiter – und? Der Bär ihr nach!

XIІІ


Sie wagt es nicht, sich umzusehen,
Beschleunigt noch den raschen Schritt,
Dem Zotteldienstmann zu entgehen,
Doch Meister Petz hält wacker mit
Und ächzt beim Watscheln unerträglich.
Im Wald vor ihnen unbeweglich
Die Tannen stehn in düstrer Pracht,
Die Zweige schwer mit Schnee bedacht;
Von oben durch das Astgestänge
Von Erlen, Birken, Linden kahl
Dringt still der Nachtgestirne Strahl;
Kein Weg, kein Steg, Gebüsch und Hänge,
Ganz zugeweht vom Wirbelwind,
In tiefem Schnee begraben sind.

XIV


Sie in den Wald! Der Bär desgleichen!
Knietief ist hier der Pulverschnee;
Manch langer Ast kann sie erreichen,
Hält sie am Hals und tut ihr weh,
Hat ihr den Ohrring ausgerissen;
Der Harsch streift von den hübschen Füßen
Die durchgeweichten Schuhchen ab;
Das Kopftuch fällt ihr auch herab;
Sie läßt es liegen; hört mit Beben
Den Bären hinter sich ganz dicht
Und traut sich, schamhaft zitternd, nicht,
Den Saum des Kleides anzuheben;
Sie läuft, er immer hinterher,
Und bald kann sie nicht laufen mehr.

XV


Sie kommt zu Fall; der Bär erhebt sie,
Um rasch mit ihr davonzugehn;
Sie atmet kaum noch, kaum erbebt sie
Und läßt's, der Ohnmacht nah, geschehn.
Er stürmt mit ihr durch eine Schneise;
Auf einmal taucht geheimerweise
Durch Bäume schimmernd auf ein Schein:
Ein Hüttchen steht im Wald allein.
Von drinnen dringt Geschrei und Lärmen
In Schnee und Stille ringsumher;
»Hier wohnt mein G'vatter«, spricht der Bär,
»Kannst dich bei ihm ein wenig wärmen!«
Und schon ist er im Flur mit ihr
Und legt sie nieder vor die Tür.

XVI


Tatjana schaut, sie kommt zu Sinnen:
Der Bär ist fort; sie liegt im Haus;
Geschrei und Gläserklang von drinnen,
Als war's ein großer Leichenschmaus;
Sie kann sich's nicht zusammenreimen,
Späht durch den Türspalt im geheimen,
Und was erblickt sie?... Dort am Tisch
Sitzt in abscheulichem Gemisch
Der Ungeheuer grause Sippe:
Der hundeschnäuzig mit Geweih,
Mit Ziegenbart die böse Fey,
In stolzer Pose ein Gerippe,
Ein Zwerg mit Schweif, ein Hahn mit Kröpf,
Ein Kranichhals mit Katzenkopf.

XVІІ


Noch mehr der Wunder, mehr der Schrecken:
Ein Krebs auf einer Spinne sitzt,
Ein Totenkopf mit Zähneblecken
Dreht sich im Kreise rotbemützt,
Mit Flügelschlag auf krummem Bocke
Tanzt eine Mühle in der Hocke;
Gebell, Gelächter, Pfiff, Geklapp,
Gegröhl, Geschwätz und Huf getrapp!
Doch was bemächtigt sich Tatjanens,
Als sie erkennt in dieser Schar
Den, der ihr lieb und schrecklich war,
Den Helden unseres Romanes!
Onegin sitzt am Tische hier
Und schaut verstohlen hin zur Tür.

XVIІІ


Er gibt ein Zeichen – alle machen's,
Er trinkt – sie trinken auch und schrein,
Er lacht — da ist kein End des Lachens,
Kraust er die Stirn – tritt Schweigen ein.
Er ist der Herr hier, ohne Frage:
Und Tanja ist schon weniger zage,
Und hat, nunmehr aus Neubegier,
Ein wenig aufgemacht die Tür ...
Da kommt ein Windstoß; jäh verdunkeln
Die Kerzen sich, und es wird Nacht.
Die Geisterschar ist aufgebracht;
Onegin, dessen Blicke funkeln,
Steht polternd auf – und alle stehn –,

XIX


Sie packt Entsetzen; und geschwinde
Will sie mit letzter Kraft davon:
Es geht nicht, wie sie sich auch winde;
Will schreien, doch es kommt kein Ton.
Da stößt die Tür ganz auf ihr Meister,
Und vor dem Blick der Höllengeister
Erscheint die Jungfrau. Gellend kreischt
Gelächter; jedes Auge heischt,
Und Hufe, krumme Rüssel, Pfoten,
Stoßzähne, Schwänze dichtbehaart,
Blutrote Zungen, jeder Bart,
Gehörn und Knochenfinger drohten,
Auf sie gerichtet, schauerlich,
Und alle schrein: Für mich! Für mich!

XX


Für mich!–Jewgems Worte hallten,
Fort war der höllische Verein;
Es blieb im Finstern und im Kalten
Die Jungfrau mit ihm ganz allein;
Behutsam führte sie Onegin
Ins Eck, um sie dort hinzulegen
Auf eine altersschwache Bank,
Dann neigt' er seinen Kopf und sank
An ihre Schulter; da kommt plötzlich
Mit Olga Lenski; es wird hell;
Onegin hebt die Arme schnell,
Sein Blick ist unstet und entsetzlich,
Er schilt den ungebetnen Gast;
Tatjana ist halbtot schon fast.

XXІ


Der Streit wird laut; da zückt Onegin
Ein langes Messer, und im Nu
Sinkt Lenski hin; und schon bewegen
Sich grause Schatten dicht herzu;
Ein schriller Schrei... die Hütte krachte ..
Und Tanja, schreckensstarr, erwachte ...
Sie schaut sich um, ringsum ist's licht;
Durch die befrornen Scheiben bricht
Der Morgenröte Purpurschimmer;
Die Tür geht auf. Und Olgalein
Fliegt, röter als Aurorens Schein,
Und schwalbenleicht zu ihr ins Zimmer;
»Na«, sagt sie, »wirst du mir gestehn,
Wen du heut nacht im Traum gesehn?«

XXІІ


Als wenn sie nichts vernommen hätte,
Fährt Tanja nur zu blättern fort
Im Buch, das sie studiert im Bette,
Und sagt nichts auf der Schwester Wort.
Und wenn dies Buch auch bot mitnichten,
Was die Poeten süß erdichten,
Noch Weisheit oder Bilder viel,
Doch kein Racine und kein Vergil,
Kein Scott, kein Byron, kein Seneca,
Nicht mal das Damenmodenblatt
Je jemand so gefesselt hat:
Dies, Freunde, war Martyn Zadeka,
Der Erzchaldäer, der gelehrt
Darin der Träume Sinn erklärt.

XXIІІ


Dies tiefe Werk hatte vorzeiten
Ein ambulanter Handelsmann
Gebracht in jene Einsamkeiten
Und Tanja überlassen dann
Zusammen mit Malwines Ende
Für nur drei fünfzig, beide Bände,
Wobei er noch in Zahlung nahm
Ein Bilderbuch mit Fabelkram,
Ein Sprachbuch und zwei Petriaden
Sowie Band drei von Marmontel.
Martyn Zadeka wurde schnell
Tatjanas Liebling, der den Schaden
Schon manchen Kummers ihr geheilt
Und stets bei Nacht ihr Lager teilt.

XXIV


Verstört von ihrem Traumgesichte,
Im Zweifel, was es wohl besagt,
Sie nach der schaurigen Geschichte
Geheimem Sinn ihr Traumbuch fragt.
In einer kurzen Liste findet
Sie auf das ABC gegründet
Die Wörter: Bach, Bär, Brücke, Dolch,
Hahn, Hexe, Krebs, Licht, Messer, Molch
Et cetera. Den Zweifel lösen
Kann auch Martyn Zadeka nicht;
Jedoch der schlimme Traum verspricht
Ihr viel an Traurigem und Bösem.
Noch ein paar Tage hinterher
Bedrückte sie die Sache sehr.

XXV


Doch sieh! Des Frührots Purpurwonne
Führt aus dem Schattental des Hags
Herauf bereits zusamt der Sonne
Das frohe Fest des Namenstags.
Von früh an trifft im Hause Larin
Ein Strom von Gästen ein, da fahren
In allen Arten von Gespann
Familienweis die Nachbarn an.
Im Flur herrscht Aufregung und Enge;
Im Saal wird unentwegt begrüßt,
Der Schoßhund kläfft, die Jungfer küßt,
Am Eingang Lachen, Lärm, Gedränge,
Knickse, Verbeugungen der Herrn,
Der Ammen Schrei und Kinderplärrn.

XXVI


Da kam an starker Gattin Seite
Der dicke Pustjakow gewallt;
Gwosdin, der hungern ließ »die Leute«
Und drum als kluger Gutsherr galt;
Dann das ergraute Paar Skotinin
Und Kinder dutzendweis mit ihnen
Von zwei bis an die dreißig Jahr;
Dann Petuschkow, der Modenarr;
Mein Vetter ersten Grads Bujanow,
Die Mütze schief, den Rock voll Stroh
(Natürlich kennen Sie ihn so),
Und Amtsrat außer Diensten Fljanow,
Ein höchst korrupter alter Fuchs,
Vielfraß und Freund von Klatsch und Jux.

XXVІІ


Mit Charlikows Familienhaufen
Erschien auch ein Monsieur Triquet,
Jüngst aus Tambow erst zugelaufen,
Bebrillt, in rötlichem Toupet.
Er wollt als echter Franzmann bringen
Ein Ständchen, Tanja vorzusingen
Auf die bekannte Melodie
Reveillez–vous, belle endormie,
Und hatte deshalb in der Tasche
Ein altes Almanach–Couplet,
Das er als findiger Poet
Ans Licht gebracht aus Staub und Asche,
Wobei er kühnlich belle Nina
Ersetzt' durch belle Tatiana.

XXVIІІ


Zuletzt traf aus dem nahen Städtchen
Die Hoffnung mancher Mütterlein
Und das Idol der reifern Mädchen,
Der Kompaniechef selber, ein;
Und ... hat man so was schon vernommen?
Die Regimentsmusik soll kommen!
Der Oberst selbst hat sie geschickt.
Es wird ein richtiger Ball! Beglückt
Die Mädchen schon im voraus hüpfen;
Doch es ist aufgetragen. Frisch
Geht's paarweis Arm in Arm zu Tisch.
Die Fräulein zu Tatjana schlüpfen,
Den Herren vis-ä-vis; ein Kreuz,
Und lärmend setzt man sich bereits.

XXIX


Für den Moment verstummt das Plappern;
Die Münder kauen. Rechts und links
Nur Teller und Bestecke klappern,
Und von den Gläsern klirrt's und klingt's.
Doch bald, erwacht zu neuem Leben,
Der Gäste Stimmen sich erheben,
Und der Tumult ist allgemein:
Gelächter, Zetern, Quietschen, Schrein,
Da geht die Tür auf, und Onegin
Tritt ein mit Lenski. »Himmel, nein!«
Ruft Tanjas Mutter, »schnell herein!«
Die Gäste rücken ihretwegen
Besteck und Stühle rasch beiseit;
Man setzt die Freunde, daß sie beid'

XXX


Sich Tanja gegenüber finden,
Die, blasser als der Mond, wenn's tagt,
Und scheuer als die flüchtige Hindin,
Den Blick nicht aufzuheben wagt.
Ihr Äug wird trüb; in ihrem Blute
Pulst Aufruhr; ihr wird schwach zumute;
Kaum nimmt der beiden Freunde Gruß
Sie wahr; schon will der Tränen Fluß
Losbrechen; alles geht im Kreise,
Die Ärmste ist der Ohnmacht nah;
Doch Wille und Vernunft sind da
Noch einmal stärker. Sie bringt leise
Zwei Worte durch die Zähne raus
Und harrt am Tische tapfer aus.

XXXI


Tragisch–nervöse Phänomene
Wie Ohnmacht oder Tränen warn
Zuwider lange schon Jewgeni,
Der einst genug davon erfahrn.
Dies Riesenfest und sein Getöse
Machten den Sonderling schon böse;
Doch als des Mädchens stummen Schreck
Er sah, schaut' er verärgert weg
Und schwor, gereizt nun reagierend,
Daß Lenski ihm das büßen muß.
Und in der Rache Vorgenuß
Malt' er im Geiste, triumphierend,
Bereits sich alle Gäste aus:
Karikaturen wurden draus.

XXXII


Natürlich konnte nicht alleine
Jewgeni sehn Tatjanas Schock,
Doch fesselte die allgemeine
Aufmerksamkeit grad ein Pirog,
Gar fett (und salzig auch) geraten;
Doch da bringt man schon, nach dem Braten
Und vor dem Blancmanger, herein
Die Flaschen mit Zymljansker Wein,
Dazu der schlanken Kelche Menge,
Wie deine Taille lang und schmal,
Zizi, mein innigster Kristall,
Objekt unschuldiger Gesänge,
Der Liebe lockender Pokal,
Die mich berauscht so manches Mal.

XXXIII


Als sie befreit von Korkens Bürde,
Macht plopp die Flasche, und der Sekt
Zischt über; da steht auf mit Würde,
Der schon zu lang sein Werk versteckt:
Monsieur Triquet; der Gäste Reigen
Verharrt vor ihm in tiefem Schweigen.
Tatjana ist halbtot. Gewandt
Zu ihr, den Zettel in der Hand,
Singt er, ein wenig falsch. Mit Freuden
Ruft man ihm zu und klatscht. Und sie
Muß knicksen vor der Poesie.
Der Dichter, groß zwar, doch bescheiden,
Trinkt auf ihr Wohl als erster Gast
Und überreicht, was er verfaßt.

XXXIV


Dem ersten Glückwunsch folgten neue;
Tatjana dankte jedem gleich.
Als an Jewgeni kam die Reihe,
Da hat ihr Anblick müd und bleich,
Die Wirrnis ihrer stummen Schmerzen
Mitleid geweckt in seinem Herzen:
Er neigte sich vor ihr und schwieg,
Doch lag in seines Auges Blick
Etwas so Wunderzartes, Gutes,
Sei's, weil er in der Tat gerührt,
Sei's, weil zum Spaß er kokettiert,
Ob unbewußt, ob echt, was tut es –
Sein Blick verhieß ihr Zärtlichkeit,
Und Tanjas Herz ward wieder weit.

XXXV


Die abgerückten Stühle lärmen,
Die Menge drängt zur Tür hinaus:
So summt es, wenn die Bienen schwärmen
Ins Feld aus leckrem Wabenhaus.
Schwer schnaufend nach dem Festtagsessen
Spaziern umher die Herrn indessen;
Die Damen gehn zum Feuerplatz;
Im Eck tönt leiser Jungfernschwatz;
Die grünen Tische sind bereitet:
Auf Hasardeure harren schon
Altmodisch l'Hombre und Boston
Und Whist, auch heut noch weitverbreitet,
Die darin gleichen sich aufs Haar,
Daß Langeweile sie gebar.

XXXVI


Es hatten schon acht Robbersätze
Beim Whist gespielt die tapfern Herrn,
Achtmal gewechselt schon die Plätze,
Da gab es Tee. Ich achte gern
Auf Mittag–, Tee und Abendessen;
So läßt die Zeit sich einfach messen:
Uns auf dem Lande dient als Uhr
An Weckers Statt der Magen nur.
Dazu möcht ich in Klammern sagen:
Ich sprech in meinen Strophen hier
Genausooft vom Eßpläsier,
Von Speisen, Korken und Gelagen,
Wie du, o göttlicher Homer,
Der schon dreitausend Jahr in Ehr!


XXXVII. XXXVIII. XXXIX


Doch jetzt gibt's Tee: Die Jungfern heben
Die Schälchen züchtig grad empor,
Da klingt vom langen Saal daneben
Fagott und Flöte auf im Chor.
Erfreut von der Musik Akkorden,
Dem Tee mit Rum untreu geworden,
Tritt Petuschkow, der Paris hier,
Auf Olga zu, führt sie zur Tür,
Tanja folgt Lenski; Charlikowa,
Dem Mauerblümchen, reicht galant
Mein Dichter aus Tambow die Hand,
Bujanow schwenkt die Pustjakowa,
Im Saal sind alsbald alt und jung.
Schon ist der Ball in schönstem Schwung.

XL


Ich plante schon an andrer Stelle
(Im ersten Hefte des Romans),
Einen der Petersburger Bälle
Zu malen in der Art Albans;
Doch, abgelenkt von leeren Träumen,
Schweift ich in der Erinnrung Räumen
Zu mir bekannten Füßchen ab.
Auf euren schmalen Spuren hab
Ich jetzt mich nicht mehr rumzutreiben!
Seit mich die Jugend ließ im Stich,
Wird's Zeit, daß etwas klüger ich
Mein Leben zügle und mein Schreiben,
Und in dies fünfte Heft, wenn's geht,
Mir kein Exkurs mehr reingerät.

XLI


Betörend, in stets gleicher Weise,
Dreht, wie der Jugend Wirbelwind,
Der Walzer rauschend sich im Kreise,
Huscht Paar um Paar vorbei geschwind.
Der Rache Zeitpunkt näherführend,
Tritt nun, geheimen Spott verspürend,
Onegin zu auf Olga ... und
Tanzt einmal schnell mit ihr ums Rund,
Setzt dann auf einen Stuhl sie nieder,
Macht etwas in Konversation,
Und zwei Minuten später schon
Tanzt Walzer er mit ihr schon wieder;
Ein jeder staunt. Und Lenski traut
Nicht dem, was er mit Augen schaut.

XLII


Und nun Mazurka! Ja, vorzeiten,
Wenn schmettert' der Mazurka Schall,
Dann zitterten des Saales Weiten,
Kracht' das Parkett vom Absatzknall,
Die Fenster klirrten in den Rahmen;
Doch heut — da gleiten, wie die Damen,
Auch wir behutsam und genant.
Nur in der Kleinstadt, auf dem Land
Hat die Mazurka sich erhalten
Den schönen ursprünglichen Schwung:
Das Absatzstampfen und der Sprung,
Der Schnurrbart sind hier noch die alten,
Trotz aller Modehörigkeit,
Der neusten Krankheit unsrer Zeit.

XLIII. XLIV


Bujanow, hier wie stets verwegen,
Führt grad auf unsern Helden zu
Die beiden Schwestern; und Onegin
Hat Olga bei der Hand im Nu;
Er führt sie lässig, anfangs schweigend,
Dann flüstert er, sich zu ihr neigend,
Recht süß ein fades Kompliment,
Drückt ihre Hand – und schon entbrennt
Im selbstzufriedenen Gesichte
Ein tiefres Rot. Mein Lenski sieht
Das alles: Außer sich erglüht,
Von Eifersucht gepackt, der Dichter;
Nach der Mazurka letztem Ton
Holt er sie gleich zum Cotillon.

XLV


Doch sie lehnt ab. Lehnt ab? Weswegen?
Sie hätt den Tanz schon zugesagt.
Und wem? – O großer Gott! – Onegin!
Was hört er da? Sie hat gewagt...
Hält man's für möglich? Kaum der Wiege
Entwachsen, kennt sie schon Intrige?
Kokett und treulos, schon als Kind
Unzuverlässig wie der Wind!
Davon kann er sich nicht erholen;
Indem er Weiberlist verschwört,
Geht Lenski raus, verlangt sein Pferd
Und sprengt davon. Ein Paar Pistolen,
Zwei Kugeln werden – ganz allein –
Bald seines Schicksals Richter sein.


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Оригінал твору

Бібліотека ім. О. С. Пушкіна (м. Київ).
А.С. Пушкин. Полное собрание сочинений в десяти томах

 

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