Jewgeni Onegin. Erstes Kapitel
Твори О.С. Пушкіна.Переклад німецькою мовою. > Jewgeni Onegin> Erstes Kapitel

 

ERSTES KAPITEL

Beeilt zu leben sich und jagt den Sinnen nach.

(Furst Wjasemski)

І



»Mein Onkel - brav und hoch zu preisen —
Scheint nun doch ernsthaft krank zu sein;
Ein Grund, ihm Ehre zu erweisen,
Kein beßrer fiel ihm jemals ein.
Sein Beispiel sei für andre Lehre;
Doch, lieber Gott, welche Misere,
Am Siechbett sitzen Tag und Nacht
Und keinen Fuß vors Haus gebracht!
Welch niederträchtiges Erschleichen,
Halbtote Mienen aufzuhell'n,
Die Kissen richtig hinzustell'n,
Bekümmert die Arznei zu reichen,
Zu seufzen, wo man denkt bei sich:
Wann endlich holt der Teufel dich!«

ІІ


So dachte jener junge Spötter,
Vom Staub der Extrapost umwallt,
Der nach dem Rat olympischer Götter
Als letztverbliebner Erbe galt. –
Ihr Freunde von Ruslans Geschichten
Könnt auf Prologe wohl verzichten;
Gestattet, daß ich euch schon hier
Mit meinem Helden konfrontier:
Mein Freund Onegin war geboren
An den Gestaden der Newa,
Der Leser stammt wohl selbst von da
Oder erwarb sich dort die Sporen;
Dort hab auch ich geliebt, gezecht:
Nur, mir bekommt der Norden schlecht.

ІІІ

Sein Vater diente adlig-ehrlich,
Verlebte das, was er versetzt,
Gab dreimal einen Ball alljährlich
Und brachte alles durch zuletzt.
Jewgeni war das Los gewogen:
Zuerst hat ihn madame erzogen;
Dann übernahm monsieur das Kind,
Das lebhaft war, doch gutgesinnt.
Monsieur l'abbe, ein arm Französchen,
Nahm Rücksicht auf des Kindes Herz,
Betrieb den Unterricht als Scherz,
Gab die Moral in leichten Döschen,
Schalt es für Streiche nicht zu arg
Und führt' es aus im Sommerpark.

ІV

Als für Jewgeni dann begonnen
Der Jugend Unrast, die so reich
An Hoffnungen und Wehmutswonnen,
Verjagte man monsieur sogleich.
Frei ist nun endlich mein Onegin,
Läßt modisch sich die Haare legen,
Und hat, als dandy kostümiert,
Der großen Welt sich präsentiert.
Französisch sprach er recht manierlich,
Es ging ihm leicht von Mund und Hand,
Mazurka tanzt' er elegant,
Und grüßte alle sehr natürlich;
Was braucht es mehr fürs Etikett:
»Begabt und ausgesprochen nett!«

V

Ein bißchen lernten wir ja alle
Wohl irgendwas und ungefähr,
So ist, gottlob, in unserm Falle
Mit Bildung glänzen gar nicht schwer.
Onegin war, wie viele dachten
(Die strenge Richtermienen machten),
Ein kluges Haus, dabei Pedant,
Und doch so glücklich und gewandt,
Sich zwanglos im Gespräch zu zeigen,
Leichthin zu streifen jedes Stück,
Mit hochgelehrtem Kennerblick
Bei ernsten Themen stillzuschweigen,
Und brachte Damen mühelos
Zum Lächeln mit ein paar Bonmots.

VI

Latein ist aus der Mode heute,
Doch, um die Wahrheit zu gestehn,
Er konnte, wie so manche Leute,
Genug, ein Motto zu verstehn,
Von Juvenalis klugzuschwätzen,
Ein vale! untern Brief zu setzen,
Und wußte, nicht genau jedoch,
Zwei Verse der Äneїs noch.
Er grub nicht gerne in dem toten
Historien-Foliantenstaub
Und war für Weltgeschichte taub:
Doch alter Zeiten Anekdoten
Von Romulus zu uns herauf
Bewahrt' er im Gedächtnis auf.

VII

Nichts ahnend vom erhabnen Leiden,
Das Leben opfert für Gesang,
Vermocht er nie zu unterscheiden
Den Jambus- vom Trochäusklang.
Er schalt Homer und Theokrit aus,
Doch kannt er sich bei Adam Smith aus
Und kam als Ökonom sehr weit,
Das heißt, er urteilte gescheit,
Was einem Staat zum Reichtum nütze,
Wovon er lebt, und warum er
Des Goldes nicht bedürfe mehr,
Wenn er das Rohprodukt besitze.
Sein Vater, der das nie verstand,
Verpfändete sein ganzes Land.

VIII

Was sonst Jewgeni alles wußte,
Fehlt durchzugehn mir Zeit und Spaß,
Doch wo Genie er heißen mußte
Und echte Kennerschaft besaß,
Und was für ihn, solang er dachte,
Bemühung, Qual und Trost ausmachte,
Und worum sich von früh bis spät
Sein Müßiggang gelangweilt dreht –
Die süße Wissenschaft war's eben,
Die einst besungen hat Ovid,
Weshalb als Märtyrer er schied
Aus seinem glanzbewegten Leben
In Bessarabiens Steppensand,
Fern von Italiens Heimatstrand.

IX

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X

Wie früh verstand er schon zu heucheln,
Vor Eifersucht fast zu vergehn,
Sich ein- und Mißtraun fortzuschmeicheln,
Bald schroff, bald leidend auszusehn,
Stolz mit Devotheit zu vereinen,
Bald aufmerksam, bald kalt zu scheinen!
Wie war sein Schweigen sehnsuchtsschwer,
Wie flammend war beredsam er,
Und wie gelöst in Herzensbriefen!
Wie selbstvergessen könnt er sein,
Nahm eines nur sein Trachten ein!
Wie war sein Blick voll zarter Tiefen,
Verschämt und frech, und notfalls leicht
Auch auf Bestellung tränenfeucht!

XI

Wie wußt er, sich stets neu zu geben,
Im Scherz die Tugend zu schockiern,
Zu schrecken durch Verzweiflungsbeben,
Mit Komplimenten zu charmiern,
Zu spähn nach schwachen Augenblicken,
Verstand und Glut ins Feld zu schicken,
Wo Unschuld Vorbehalte macht;
Auf Zufallszärtlichkeit bedacht,
Erhörung zu erflehn, zu fordern,
Vom ersten Herzenstone an
Der Liebe nachzustellen, dann
Ein heimlich Treffen zu beordern...
Und dann, im stillen Kämmerlein,
Sie pädagogisch zu betreun!

XII

Wie früh schon konnte er erregen
Die Herzen aller leichten Fraun!
War ihm jedoch daran gelegen,
Rivalen übers Ohr zu haun,
Wie wußt er, welches Wort verletze!
Wie lockt' er sie in seine Netze!
Doch manch ein tumber Ehemann
Blieb ihm befreundet auch noch dann:
So mocht ihn der verschlagne Gatte,
Der lebte, wie's Faublas gelehrt,
Der Alte, den Verdacht verzehrt,
Und der, der prächtige Hörner hatte,
Zufrieden mit sich selbst, genau
Wie mit dem Essen und der Frau.

XIII XIV

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XV

Oft räkelt er sich noch gemächlich
Im Bett: da bringt man Kärtchen rein.
Was? Einladungen? Ja, tatsächlich,
Drei Häuser laden abends ein:
Ein Ball, ein Hausfest für die Kinder.
Wohin begibt sich wohl mein Sünder?
Und wo beginnt er? Einerlei:
Zu schaffen sind ja alle drei.
Zunächst, gekleidet für den Morgen
Mit einem breiten Bolivar,
Fährt mein Onegin zum Boulevard,
Dort zu flanieren ohne Sorgen,
Bis, nimmerschlummernd unterm Kleid,
Die Uhr erklingt zur Essenszeit.

XVI

Schon dämmert's: auf zum Schlittenwagen!
Und »Platz da! Platz da!« schallt es laut.
Froststaub hat seinen Biberkragen
Mit Silberglitzern übertaut.
Rasch zu Talon: Er könnte schwören,
Dort wartet schon sein Freund Kawerin.
Er kommt herein: Der Korken knallt,
Der Elfer aus der Flasche wallt,
Vor ihm steht roastbeef blutbefeuchtet,
Und Trüffeln, Jugendschlemmertum,
Und Frankreichs höchster Küchenruhm,
Und Straßburger Pastete leuchtet
Nebst Limburgs Käse unter Glas
Und einer goldnen Ananas.

XVII

Noch lechzt der Durst nach neuen Bechern,
Denn heiß war der Kotelette Fett,
Da sagt die Uhr ins Ohr den Zechern,
Daß schon begonnen das Ballett.
Als Ehrenbürger der Kulissen
Und manch bezaubernder Aktricen
Vergötterer für kurze Frist,
Als böser Bühnenspezialist
Eilt dort Onegin hin, wo jeder
Der Freiheit frischen Hauch genießt,
Den entrechat mit Beifall grüßt,
Auszischt Kleopatra und Phädra,
Moma rausruft (daß man ja
Bemerkt: auch er ist wieder da).

XVIII

O Zauberland! dort wo Fonwisin
Einst glänzte, der satirisch kühn
Als Freund der Freiheit sich bewiesen,
Und der gelehrige Knjaschnin,
Dort hatte Oserow die Spende
Der Tränen und gerührten Hände
Geteilt mit der Semjonowa,
Katenіn ließ erstehen da
Corneilles Genie in neuem Glänze,
Dort schuf Komödien reihenweis
Die spitze Feder Schachowskois,
Dort kam Didelot zum Ruhmeskranze,
Dort im Kulissenschatten, dort
War meiner Jugend liebster Ort.

XIX

Ihr, meine Göttinnen, wo seid ihr?
Daß euch mein Klageruf erreich:
Seid ihr's denn noch? sind andre seither
An eurer Statt, doch euch nicht gleich?
Hör je den Klang ich eures Chores,
Erblick ich Rußlands Terpsichores
Beseeltes Schweben noch einmal?
Oder wird mir vielleicht zur Qual
Ein Schaustück, das ihr nicht mehr zieret,
Und werd' ich mein enttäuscht Lorgnett
Dann wandern lassen durchs Parkett,
Weil mich das Lustspiel ennuyieret,
Und nur noch wortlos gähnen gar,
Gedenkend, wie es früher war?

XX

Der Saal ist voll, die Logen funkeln;
Parterre und Sessel summt und lebt;
Ganz oben klatscht man schon im Dunkeln,
Bis rauschend sich der Vorhang hebt.
Hellschimmernd, halb aus Luft gewoben,
Vom Zauberton emporgehoben,
Von ihrer Nymphenschar umschwirrt,
Steht die Istomina; sie rührt
Nur leicht mit einem Fuß den Boden,
Indes der andre langsam dreht,
Und da: ein Sprung, und da: sie weht,
Weht fort wie Flaum vorm Aolsodem;
Bald sinkt sie vor, bald schnellt sie auf
Und trippelt flink im Spitzenlauf.

XXI

Applaus rauscht auf. Da kommt Onegin,
Stelzt über Beine durch die Reihn
Und stellt sein Opernglas verwegen
Auf fremder Damen Logen ein;
Sein Blick streift alle Ränge oben;
Sowohl Gesichter wie Garderoben,
So stellt er fest, sind ihm ein Graus,
Er tauscht mit Herren Grüße aus,
Um auf die Bühne dann zu blicken
Eher zerstreut als konzentriert,
Schaut weg und gähnt - und konstatiert:
»Man sollte sie nach Hause schicken;
Didelots Ballett war niemals toll,
Doch jetzt hab ich die Nase voll.«

XXII

Noch springt und schlingt den bunten Reihen
Der Putten, Teufel, Drachen Chor;
Noch liegen schlafende Lakaien
Auf Pelzen vor dem Eingangstor;
Noch trampelt man und will kein Ende,
Schneuzt, hustet, zischt, klatscht in die Hände;
Noch leuchtet heller Lampenschein
Von drinnen raus, von draußen rein;
Noch stampfen frierend vor den Wagen
Die Pferde, die am Zaumzeug zerrn,
An Feuern schimpfen auf die Herrn
Die Kutscher, die die Arme schlagen:
Onegin aber ist schon raus;
Er fährt, sich umzuziehn, nach Haus.

XXIII

Genügt wohl meine Schildrungsgabe,
Daß ich die Klause malen kann,
Wo sich der Mode Musterknabe
Erst auszieht und dann wieder an?
All das, wonach uns Lust anwandelt,
Womit das eitle London handelt,
Und was es übers Baltenmeer
Für Speck und Holz schickt zu uns her,
All das, was in Paris an Neuem
Der hungrige Geschmack gewußt,
Sich selbst zum Nutzen, uns zur Lust,
An Luxus-Mode-Narreteien –
All das hatt' hier im Boudoir
Der Philosoph von achtzehn Jahr':

XXIV

Bernstein an Stambuls Pfeifenenden,
Fayence und Bronze auf dem Tisch,
Verwöhnten Sinnen Lust zu spenden,
Kristallflacons, Parfümgemisch;
Stahlfeilen, Kämme für die Härchen,
Gebogene und grade Scherchen
Und Bürsten, dreißig Sorten schier,
Für Denti- wie für Manikür.
Rousseau (um das hier anzufügen)
Schockiert' es, daß der große Grimm
Die Nägel sich geputzt vor ihm,
Der so beredsam wie verstiegen
Für Freiheit eintrat und für Recht;
Doch hier hat er durchaus nicht recht.

XXV

Man kann sehr wohl die Nägel pflegen
Und dennoch stehen seinen Mann:
Lohnt's, mit der Zeit sich anzulegen?
Die Mode ist der Welt Tyrann.
In seiner Kleidung war Onegin
Der neidischen Rivalen wegen,
Ganz wie Tschadajew, ein Pedant;
Wir nannten sowas damals Fant.
Drei Stunden konnten ihm kaum reichen,
Wenn er vor Spiegeln tätig war,
Und kam er aus dem Boudoir,
War er der Venus zu vergleichen,
Die flatterhaft, in Männertracht,
Zum Maskenball sich aufgemacht.

XXVI

Da, nach dem letzten Schrei gekleidet,
Er Ihre Neugier schon erregt,
Hätt mancher Kenner sich geweidet,
Beschrieb' ich nun auch, was er trägt;
Doch ist's gewagt, wenn ich das mache;
Zwar ist Beschreiben meine Sache,
Doch Frack, Gilet und Pantalon –
Kein Wort ist russisch doch davon;
Und zudem seh ich und bekenne,
Daß ohnehin mein dürftiger Stil
Zu bunt ist, weil ich gar zuviel
Mit Wörtern fremden Stamms benenne,
Wiewohl ich einst gewälzt genug
Mein Akademisch Wörterbuch.

XXVII

Uns geht es hier um andre Fragen:
Zum Ballsaal laßt uns eilen jetzt,
Wohin bereits im Droschkenwagen
Onegin sich in Trab gesetzt.
Vor den verschlafnen Silhouetten
Der Häuser schlingen sich zu Ketten
Die doppelten Laternenreihn
Der Kutschen, deren heitrer Schein
Den Schnee in Kreisen überflimmert;
Von Fensterlämpchen rings umkränzt
Ein prächtiges Gebäude glänzt,
Durch dessen große Scheiben schimmert,
Wenn auch im Schattenumriß bloß,
Die Damenwelt mit ihren Beaus.

XXVIII

Da, unser Held ist angekommen,
Schon hat er, am Portier vorbei,
Die Marmorstufen flugs genommen,
Das Haar geordnet, eins, zwei, drei;
Tritt ein. Im Saale - welche Menge;
Verstummt sind die Trompetenklänge;
Eine Mazurka ist im Gang;
Ringsum ist Lärm, Gewühl und Drang;
Der Gardereiter Sporen klirren;
Manch holder Dame Füßchen schwingt
So, daß es heiße Blicke zwingt,
Ihm wie verzaubert nachzuirren,
Und Geigenschluchzen übertönt,
Was Frauenflüstern neidisch höhnt.

XXIX

Im Alter, wo die Wünsche brennen,
War ich auf Bälle ganz verrückt:
Kein Ort ist, Liebe zu bekennen,
Billetts zu tauschen, so geschickt.
Darum, o ehrenwerte Gatten,
Wollt euch zu dienen mir gestatten,
Nehmt euch zu Herzen, was ich sag,
Vielleicht, daß es euch warnen mag.
Auch ihr, Mamächen, paßt doch bitte
Den Töchtern etwas strenger auf:
Faßt fester die Lorgnette am Knauf!
Daß nicht... daß nicht, was Gott verhüte!
Mit gutem Grund schreib ich das her,
Wenn ich auch selbst nicht sündige mehr.

XXX

O weh! Ich hab für derlei Freuden
An Leben viel vertan und Zeit!
Und würden nicht die Sitten leiden,
Ich liebte Bälle auch noch heut.
Ich lieb der Jugend wildes Schäumen,
Den Glanz, die Enge in den Räumen,
Der Damen Kleider, klug gewählt,
Und ihre Füßchen; nur, man quält
Sich in ganz Rußland wohl vergebens,
Zu finden drei Paar schlanke Fuß'.
Ach! Lange nicht vergaß ich dies,
Dies eine Paar ... Zeit meines Lebens
Bleibt mir's im Sinn, und wenn ich träum,
Sucht es mein kaltes Herz noch heim.

XXXI

Wann, wo, in welcher Wüstenweite
Wirst du es je vergessen, Tor?
Wo, Füßchen, Füßchen, seid ihr heute?
Wo tretet ihr den Frühlingsflor?
Im milden Osten groß geworden,
Habt ihr auf tristem Schnee im Norden
Nie hinterlassen eine Spur:
Die lustvolle Berührung nur
von Teppichen war euch Erquickung.
Wie lang ist's her, daß ich für euch
Vergaß die Ruhmsucht und zugleich
Das Vaterland und die Verschickung?
Das Glück der jungen Jahre schwand –
Wie eure leichte Spur im Sand.

XXXII

Dianens Brust, die Wangen Florens,
Ihr lieben Freunde, reizen sehr!
Jedoch das Füßchen Terpsichorens
Reizt mich doch irgendwie noch mehr.
Indem's dem Blick prophetisch kündet,
Wo unschätzbarer Lohn sich findet,
Lenkt es mit Stellvertretercharme
Der Wünsche eigenwilligen Schwärm.
So lieb ich es, mein Schatz Elwine,
Vom langen Tischtuch halbverhüllt,
Im Lenz, vom Wiesengras umspielt,
Am Winterabend vorm Kamine,
Auf spiegelndem Parkett im Saal,
Auf Meeresklippen wild und kahl.

XXXIII

Noch denk ich an den Sturm, die Stelle:
Wie neidisch war ich auf die Flut,
Die tosend anstürmt Well um Welle
Und ihr zu Füßen liebend ruht!
Wie wünscht ich, mit den Wogengüssen
Die süßen Füße da zu küssen!
Nein, nie, selbst in der tollsten Zeit
Heißblütig junger Sinnlichkeit
Trieb mich so quälendes Verlangen
Nach der Armiden jungem Mund,
Nach zartentflammtem Wangenrund,
Nach Brüsten, die voll Sehnsucht prangen;
Nein, nie hat Sturm der Leidenschaft
So meine Seele fortgerafft!

XXXIV

Ein andres Mal bleibt unvergessen!
Oft halt ich noch im Traum als Pfand
Den Bügel, bis sie aufgesessen,
Und fühl ihr Füßchen in der Hand...
Und neu brennt Phantasieverführung,
Und neu entzündet die Berührung
Im welken Herzen mir das Blut,
Und neue Sehnsucht, Liebesglut!...
Doch meine Leier hat zu lange
Die Stolzen schwatzhaft schon geehrt;
Sie sind der Leidenschaft nicht wert
Noch ihres Lobes im Gesänge:
Der Zauberinnen Blick und Gruß
Sind trügerisch ... ganz wie ihr Fuß.

XXXV

Was treibt Onegin? Halb schon träumend
Fährt er zum Schlafen heim vom Ball:
Doch Petersburg, stets lebensschäumend,
Ist schon geweckt mit Trommelschall.
Der Kaufmann kommt, Laufjungen preschen,
Zur Börse streben die Kaleschen,
Die Milchfrau schleppt die Kanne mit,
Der Frühschnee knirscht, wohin sie tritt.
Des Morgens trauter Lärm erwachte.
Auf sind die Läden, und gemach
Steigt blauer Rauch empor vom Dach,
Der Bäcker, deutsch und pünktlich, machte
Papierbemützt schon zum Verkauf
Sein vasistas ein paarmal auf.

XXXVI

Doch vom Tumult des Balls ermattet,
Verwandelnd Tag in tiefe Nacht,
Schläft still und angenehm beschattet
Das Kind der Lustbarkeit und Pracht.
Nachmittags wacht er auf, da lauert
Dies Leben, das bis morgens dauert,
Schon wieder: bunt, des Wechsels bar,
Und morgen so, wie's gestern war.
Könnt' er sich dabei glücklich fühlen,
So frei, so jung und so verwöhnt,
So oft von leichtem Sieg bekrönt
In täglichen Genusses Spielen?
War er bei alledem im Grund
Zwar unvorsichtig, doch gesund?

XXXVII

Nein: früh schon sein Gefühl vereiste;
Der Lärm der Welt ward ihm zuviel;
Nicht lang um junge Schönen kreiste
Sein Sinnen als gewohntes Ziel;
Treubrüche wurden ihm verdrießlich,
Auch Freunde und die Freundschaft schließlich,
Denn wirklich könnt er ja nicht stets
Straßburgs Pasteten und Koteletts
Mit Strömen Sektes übergießen
Und geistreich sein auf Schritt und Tritt,
Auch wenn er unter Kopfweh litt;
Obzwar nicht zögernd, sich zu schießen,
Zuletzt ging auch die Lust vorbei
Am Gang auf Säbel oder Blei.

XXXVIII

Die Krankheit, deren Grund zu kennen
Wir sollten mühen uns schon lang,
Die Engelländer Spleen benennen,
Chandra, auf russisch (Grillenfang),
Begann ihn langsam zu ergreifen;
Zwar ließ sie ihm, gottlob, nicht reifen
Den Plan, sich etwas anzutun,
Doch ward er kalt zum Leben nun.
Childe Harold gleich, verschlossen, trübe,
Erschien er oftmals im Salon;
Kein Klatsch der Welt und kein Boston,
Kein Blick, kein Seufzer selbst der Liebe
Berührten ihn noch angenehm,
Nichts nahm er wahr von alledem.

XXXIX. XL. XLI.

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XLII

So ließ er euch als erste fahren,
Die launisch walten im Salon;
Und wirklich ist in unsren Jahren
Recht langweilig der feinre Ton;
Wenn manche Damen auch des näh'ren
Uns Bentham oder Say erklären,
Ist ihr Gespräch doch allgemein
Zwar harmlos, doch zu hören Pein;
Zudem sind sie so frei vom Übel,
So voller Würde und so klug,
So ehrbar, so voll Recht und Fug,
So umsichtig und so penibel,
So unzugänglich für den Mann:
Der Spleen kommt, sieht man sie nur an.

XLIII

Und ihr, ihr Hübschen, Jungen, Feschen,
Die ihr, wenn tief die Nacht sich neigt,
Euch in verwegenen Kaleschen
Auf Petersburger Pflaster zeigt,
Auch euch ließ mein Jewgeni sausen.
Abschwörend des Genusses Brausen
Blieb er im häuslichen Asyl,
Griff gähnend nach dem Federkiel,
Doch bei der Arbeit auszuharren,
War ihm zu lästig — kein Gedicht
Bracht' seine Feder je ans Licht;
So stieß er nicht zur Zunft der Narren,
Doch wag ich hier kein Urteil mehr,
Dieweil ich selbst dazugehör.

XLIV

Erneut dem Nichtstun preisgegeben,
Der innern Leere zu entfliehn,
Plant er in lobenswertem Streben
Aus fremdem Geist Gewinn zu ziehn;
Er füllt die Borde des Regales
Und liest und liest - umsonst ist alles:
Nur Langeweile, Trug und Wahn;
Gewissen hier, Sinn dort vertan;
Beschränkt sind alle, nur verschieden;
Das gute Alte ist vergreist,
Alt ist, was Wahn als Neuheit preist.
Und wie die Frauen er gemieden,
Zog er der Bücher staubigen Chor
Nun zu mit einem Trauerflor.

XLV

Der Last der Konvention entronnen,
Wie er vom leeren Treiben fern,
Hab ich ihn da zum Freund gewonnen.
Ich mochte manches an ihm gern,
Den Hang, in Träume abzugleiten,
Die nichtkopierten Seltsamkeiten,
Des kühlen Witzes scharfe Wehr.
Ich war verbittert, mürrisch er;
Die Leidenschaft erfuhrn wir beide;
Das Leben schien uns beiden leer;
Nichts wärmte unsre Herzen mehr;
Wir wähnten uns nur noch vom Neide
Fortunas und der Welt gejagt,
Als unser Morgen kaum getagt.

XLVI

Wer lebt und denkt, der muß im Innern
Verachtung für die Menschen nährn;
Wer fühlt, muß bebend sich erinnern
Der Tage, die nicht wiederkehrn:
Den wird kein holder Zauber fangen,
Ihn werden der Erinnrung Schlangen
Zernagen und der Reue Zahn.
All das verleiht bisweilen dann
Nicht wenig Reiz auch seiner Rede.
Erst fand Onegins Sprache ich
Empörend, doch gewöhnt ich mich
Bald an sein Sticheln in der Fehde,
Den Scherz, halb gallig und halb süß,
Und die makabren Apercus.

XLVII

Wie haben wir gar manche Male,
Wenn durchsichtig die Sommernacht
Mit ihrer hellen Himmelsschale
Die heitre Newa überdacht,
Und sich Diana scheu verborgen,
Gedenk verfloßner Liebessorgen,
Gedenk verfloßner Liebeslust,
Empfindsam wieder, leichter Brust,
Uns an des linden Nachthauchs Welle
In tiefer Schweigsamkeit ergötzt!
So wie vom Traum ins Grün versetzt
Der Häftling wird aus seiner Zelle,
So schweiften träumend wir zurück
Zu unsrer Jugend erstem Glück.

XLVIII

Dann lehnt Jewgeni voll Bedauern,
Die Seele melancholisch trüb,
An den granitnen Ufermauern,
Wie ein Poet sich einst beschrieb.
Rings ist es still; nur Wer-da-Rufer
Und Postenschritt am Newaufer,
Und eine Droschke rumpelt schwer
Fern von der Millionna her;
Ein Boot nur treibt mit Ruderschwingen
Auf dem verschlafnen Strom dahin;
Von fern her fesselt unsern Sinn
Ein Hörnerklang, ein Liedersingen...
Doch süßer hallt in heitrer Nacht
Torquatos Reimoktavenpracht!

XLIX

Ihr adriatischen Gestade,
O Brenta! nein, ich muß euch sehn
Und, neu erfüllt von Geistesgnade,
Den Zauber eures Worts verstehn!
Es ist Apollos Enkeln heilig;
Von Albions stolzer Leier freilich
Ist mir's vertraut, ist mir's verwandt.
Ach, an Italiens goldnem Strand
Wird schmeichelnd mich die Nacht umgeben,
Wenn mit Venedigs Töchterlein,
Das reden kann und schweigsam sein,
Wir in geheimer Gondel schweben;
Mein Mund lernt von dem ihren dort
Petrarcas und der Liebe Wort.

L

Kommt einmal meiner Freiheit Stunde?
's ist Zeit, 's ist Zeit! - ich ruf nach ihr;
Ich geh am Meer, schau in die Runde
Und lock die Segel her zu mir.
Wann werd im Sturm, im Wogenstreite,
Hinaus auf freie Meeresbreite
Ich endlich lenken meinen Lauf?
Zeit war's, ich gäb das Ufer auf
Des Elements, das mir zuwider,
Und erst in mittäglicher Flut,
Mein Afrika, in deiner Glut,
Gedächt ich seufzend Rußlands wieder,
Wo ich geliebt, gelitten hab,
Wo ich mein Herz gesenkt ins Grab.

LI

Mit mir zusammen war Onegin
In fremdes Land zu gehn bereit,
Doch wurden von des Schicksals Schlägen
Wir bald getrennt für längre Zeit.
Sein Vater war gestorben grade,
Und ihn umringten ohne Gnade
Die Kreditoren haufenweis.
Mag jeder handeln, wie er's weiß:
Ihm war verhaßt das Prozessieren,
Er ließ, ergeben ins Geschick,
Die Erbschaft ihnen Stück für Stück,
Einbuße schien er kaum zu spüren,
Vielleicht hat er auch schon gewußt,
Daß bald der Onkel sterben mußt'.

LII

Und prompt schickt alsbald an den Erben
Der Gutsverwalter den Rapport,
Sein Onkel liege schon im Sterben
Und hätt ihn gern zum Abschied dort.
Nach so betrüblicher Lektüre
Macht eilig sich im Postkuriere
Jewgeni auf zum Stelldichein
Und gähnte schon im vorhinein,
Als er des Geldes wegen schickte
Zu Seufzen und Betrug sich an
(Und so begann ja mein Roman);
Doch als er ankam, da erblickte
Den Onkel er schon aufgebahrt
Und fertig für die letzte Fahrt.

LIII

Er fand den Hof voll von Lakaien;
Von allenthalben warn vereint,
Die sich auf ein Begräbnis freuen,
Des Hingegangnen Freund und Feind.
Man setzte bei des Onkels Reste.
Es schmausten Geistlichkeit und Gäste
Und gingen würdig fort sodann,
Als hätten sie was Rechts getan.
Onegin herrscht nun über Länder,
Fischteiche, Wälder, Brennerein,
Und — war er auch bisher allein
Ein Feind der Ordnung, ein Verschwender -
Ist froh, statt des Gewohnten nun
Mal etwas anderes zu tun.

LIV

Zwei Tage warn ihm neu die Felder,
Die tiefe Einsamkeit umzieht,
Die Kühle dunkler Eichenwälder,
Des Baches leises Murmellied;
Am dritten reizten Hügel, Änger
Und Haine ihn schon nicht mehr länger;
Dann machten sie ihn schläfrig gar;
Und alsbald sah er völlig klar:
Er war im Dorf genauso sauer,
Gab es auch Karten, Ball, Gedicht
Und Straßen und Paläste nicht.
Der Überdruß lag auf der Lauer
Und lief ihm nach genausogut,
Wie's Schatten oder Gattin tut.

LV

Ich war geboren für die Stille
Ländlicher Abgeschiedenheit:
Der Leier Klang gewinnt dort Fülle,
Der Schöpfertraum Lebendigkeit.
Harmlosen Zeitvertreibes Feier
Ist mir der Gang am öden Weiher,
Far niente ist mein Tageslauf.
An jedem Morgen wach ich auf,
Der Freiheit Süße zu erfahren,
Ich lese wenig, schlafe lang,
Mir ist um flüchtigen Ruhm nicht bang.
Fand ich nicht so in frühren Jahren
Im Schatten, keinem Tun geweiht,
Die glückgesegneteste Zeit?

LVI

Landleben, Blumen, Liebe, Muße,
Felder! Mein Herz gehört nur euch.
Und stets vermerk ich mit Genüsse,
Worin ich nicht Onegin gleich',
Auf daß kein Leser sich mokiere
Und kein Verleger der Papiere,
Die die Verleumdung ausgeheckt,
Wenn meine Züge er entdeckt,
Behaupte lästerlich und kläglich,
Ich malte hier mein Selbstporträt
Wie Byron - eignen Werts Poet -,
Ganz so, als war es uns nicht möglich,
Was andrem Versgestalt zu leihn
Als ausgerechnet uns allein.

LVII

Und übrigens sind alle Dichter
Gern Liebesträumen untenan.
Mir träumten oftmals die Gesichter
Von Mädchen, deren Bild alsdann
Die Seele heimlich festgehalten,
Bis sie erweckt der Muse Walten:
So sang ich, unbedacht, sie all,
Der Berge Kind, mein Ideal,
Salgirs Gefangene im Schleier.
Und ihr, o Freunde, haltet heut
Gar oft die Frage mir bereit:
»Um wen denn seufzet deine Leier?
Wem bringst du deine Lieder dar
Aus eifersüchtiger Mädchen Schar?

LVIII

Wes Blick denn lächelte Gewährung,
Wer hat den Elegienton
Belohnt mit Hoffnung auf Erhörung?
Wen hob dein Vers auf Götterthron?«
Ach, Freunde, niemand! Ich kann's schwör
Der Liebe Wahnsinn und Betören
Ich ungetröstet stets empfand.
Glückselig, wer damit verband
Das Reimefieber: Er verdoppelt
Den heiligen Wahn der Dichtung nur
Und hat so, auf Petrarcas Spur,
Mit Herzenströstung sie gekoppelt,
Und er gewinnt dabei noch Ruhm;
Doch ich war, liebend, blöd und stumm.

LIX

Danach erst kam der Musen Stunde,
Wenn's wieder klarer wurde drin.
Frei such ich wieder nach dem Bunde
Von Zauberklang, Gefühl und Sinn.
Ich schreib, das Herz ist frei von Qualen,
Die Feder rutscht nicht aus, zu malen
Dort, wo noch fehlt der Zeilenschluß,
Ein Köpfchen, einen Frauenfuß;
Nichts facht mehr an der Asche Schwele,
Ich traure, aber wein nicht mehr,
Und bald, bald wird der Stürme Heer
Sich gänzlich legen in der Seele:
Dann schreib ich euch an einem Stück
Ein Epos, zwanzig Bände dick.

LX

Schon dacht ich an die Form des Planes
Und wie ich wohl den Helden nenn;
Doch vorerst laßt mich des Romanes
Kapitel eins beenden denn:
Hab alles strengstens durchgesehen;
Viel Widersprüche blieben stehen,
Doch ändern mag ich jetzt nichts mehr,
Bald fällt der Zensor drüber her,
Ich überlaß den Zeitungstoren
Die Früchte meiner Müh zum Fraß:
So geh denn zur Newa fürbaß,
Du Werk, das eben erst geboren,
Verdien mir dort des Ruhms Tribut:
Fehldeutung, Mißgunst, Lärm und Wut.


Widmung || Erstes Kapitel || Zweites Kapitel || Drittes Kapitel || Viertes Kapitel || Funftes Kapitel || Sechstes Kapitel || Siebentes Kapitel || Achtes Kapitel

Оригінал твору

Бібліотека ім. О. С. Пушкіна (м. Київ).
А.С. Пушкин. Полное собрание сочинений в десяти томах

 

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