Jewgeni Onegin. Drittes Kapitel
Твори О.С. Пушкіна.Переклад німецькою мовою. > Jewgeni Onegin> Drittes Kapitel

 

DRITTES KAPITEL

Elle etait fille, elle etait amoureuse*.

(Malfilätre)

* Sie war ein Mädchen, sie war verliebt.

І



»Wohin? Mit Dichtern sich zu plagen!«
— »Leb wohl, Onegin, du verstehst...«
»Ich halt dich nicht, doch darf man fragen,
Wohin du jeden Abend gehst?«
— »Zu Larins.« – »Ach, das freut mich ehrlich.
Wird dir das denn nicht zu beschwerlich,
So totzuschlagen Tag um Tag?«
— »Kein bißchen.« – »Das begreif, wer mag.
Ich seh von hier aus, was da los ist:
Zum ersten (habe ich nicht recht?)
Ein biedres russisches Geschlecht,
Das in der Gastbewirtung groß ist,
Viel Mus, und andre Themen nie,
Als Regenwetter, Flachs und Vieh...«

ІІ

— »Als wenn das nun so schrecklich wäre!«
»Freund, schrecklich ist: man langweilt sich.«
— »Ich hasse die mondäne Leere;
Ein trautes Heim ist mehr für mich,
Da kann ich...« – »Wieder die Idyllen!
Verschone mich, um Gottes willen!
Du fährst schon los? Bedauerlich.
Ach, sag mal, Lenski, könnte ich
Die Phyllis mal zu sehn bekommen,
Das Urbild deiner Verse da,
Von Tränen, Traum et cetera?...
Stell mich doch vor!« – »Im Ernst?« – »Vollkommen.«
— »Mit Freuden.« – »Wann?« – »Warum nicht heut?
Sie sind dort sicher hocherfreut.

ІІІ

Steig ein!« —
Schon sind sie losgefahren,
Sind da; man überhäuft sie beid'
Mir dem oft lästigen Gebaren
Altvaterischer Gastlichkeit.
Man kennt ja diese Rituale:
Da gibt es Mus in flacher Schale,
Aufs Wachstuch wird ein Krug gestellt,
Der Preiselbeerensaft enthält.
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………………………………….
………………………………….
………………………………….

ІV

Indem sie jeden Umweg meiden,
Fahrn unsre Helden eilends heim.
Wir wollen das Gespräch der beiden
Jetzt mal belauschen insgeheim:
»Du gähnst, Onegin, will mir scheinen?«
»Gewohnheit, Lenski.« – » Möchte meinen,
Heut wär es mehr?« – »Durchaus nicht. Nein.
Die Dunkelheit bricht schon herein;
Fahr zu, Andrjuscha, brauch die Rute!
Welch eine dumme Landschaft hier!
Die alte Larina, scheint mir,
Ist wirklich eine Herzensgute;
Daß nur der Preiselbeerensaft
Mir nachher nicht Beschwerden schafft.

V

Sag, welche ist denn nun Tatjana?«
— »Die, die so traurig und so blaß
Und auch so schweigsam wie Swetlana
Hereinkam und am Fenster saß.«
»Und du, du magst die Jüngre leiden?«
— »Ja, und?« – »Ich wählte von den beiden
Die Ältre, wenn ich Dichter wär.
Die Züge Olgas sind so leer,
Wie sie van Dycks Madonnen haben:
So hübsch, so rund und so gewohnt
Wie dieser dumme runde Mond
Am dummen Horizont heut abend.«
Wladimir sprach ein trocknes Wort
Und schwieg den ganzen Weg hinfort.

VI

Indessen ward Onegins Kommen
Zu Larins bald von Hof zu Hof
Mit großem Staunen wahrgenommen
Und bot den Nachbarn Redestoff.
Das galt es, sich zurechtzureimen.
Gemutmaßt wurde im geheimen,
Man spielte scherzhaft darauf an:
Gewiß würd er Tatjanas Mann;
Ja, etliche sogar erzählten,
Die Hochzeit sei schon festgesetzt
Und nur noch aufgeschoben jetzt,
Weil noch moderne Ringe fehlten.
Die Hochzeit Lenskis aber war
Für alle längst schon sonnenklar.

VII

Tatjana hört' es, sie erboste
Dies Munkeln; doch, mit sich allein,
Gereicht' ihr die Idee zum Troste,
Sie fiel ihr oft von selber ein
Und ist im Herzen wach geblieben;
Die Zeit war reif, sie mußte lieben.
So wird das Korn, im Grund versteckt,
Vom Frühlingsfeuer aufgeweckt.
Längst lechzten ihre Phantasien,
Durchglüht von süßem Ungemach,
Verhängnisvoller Speise nach;
Längst ließ der Sehnsucht dumpfes Ziehen
Die junge Brust ihr schwerer gehn;
Die Seele harrt'... auf irgendwen.

VIII

Nicht lange... Sie begann zu sehen;
Sie sprach es aus: Er muß es sein!
Kein Tag und keine Nacht vergehen,
Kein Schlummer, glühend und allein,
Bleibt ohne Ihn; aus allen Dingen
Scheint zauberstark zu ihr zu dringen
Nur immer Er. Auf einmal stört
Sie's, wenn sie nette Worte hört
Und sieht besorgter Diener Blicke.
Mit ihrer Schwermut nur befaßt,
Beachtet sie jetzt keinen Gast,
Und sie verwünscht die Plauderclique,
Ihr Kommen, plötzlich wie der Blitz,
Und ihren dauerhaften Sitz.

IX

Wie aufmerksam sie die Romane
Jetzt liest und süße Tiefen schürft,
Wie lebhaft sie im Zauberwahne
Verführerischen Trug dort schlürft!
Die von beglücktem Traumeswalten
Beseelt ersonnenen Gestalten:
Der Liebling der Julie Wolmar,
Malek–Adhel und de Linar,
Und Werther, wilder Held der Schmerzen,
Und Grandison, so beispiellos,
Der uns verhilft zum Gähnen bloß,
Sind ihrem zarten Träumerherzen,
Als wären sie ein einzig Bild,
Das in Onegin sich erfüllt.

X

Indem sie glaubt, die Heroine
Der Dichter, die sie liebt, zu sein,
Clarissa, Julia, Delphine,
Schweift sie im stillen Wald, allein
Des Buchs Gefahren überlassen,
Darin sie sucht und glaubt zu fassen
Ihr heimlich Glühn, ihr Traumgesicht,
Wie's übervollem Herz entspricht,
Ihr Seufzen scheint den Schmerz zu melden
Fremden Entzückens, Fremden Leids,
Auswendig flüstert sie bereits
Den Brief an den geliebten Helden...
Doch unser Held, wer war er schon?
Nun, ganz gewiß kein Grandison.

XI

Mit würdevollen Stilallüren
Pflegte der Autor seinerzeit
Uns seinen Helden vorzuführen
Als Muster der Vollkommenheit.
Und dabei gab er zum Geschenke
Dem Opfer ungerechter Ränke
Ein gar empfindsam zartes Herz,
Und Geist, und Schönheit allerwärts.
Voll Glut des reinsten Liebesbrandes,
Stets von Begeisterung beschwingt,
Der Held sich gern zum Opfer bringt,
Und gegen Schluß des letzten Bandes
Wird stets dem Laster heimgezahlt,
Dieweil bekränzt das Gute strahlt.

XII

Heut schreibt man neblicht und verschwommen,
Moral regt uns zum Gähnen an,
Das Laster aber ist willkommen,
Schon triumphiert's – auch im Roman.
Der Britenmuse Schauermären
Den Schlaf der Jünglingin betören,
Und zu Idolen wurden ihr
Der melancholische Vampir,
Melmoth, der finstere Gehetzte,
Der Ewige Jude, der Korsar,
Der rätselschwangere Sbogar.
Mit Trüb–Romantischem versetzte
Lord Byron recht erfolgreich doch
Selbst hoffnungslose Ichsucht noch.

XIII

Was, Freunde, soll dies ganze Treiben?
Vielleicht besinnt der Himmel sich
Und läßt mich nicht mehr Verse schreiben,
Ein neuer Teufel reitet mich,
Mag Phöbus auch bedrohlich winken,
Zur biedren Prosa abzusinken;
Und ein Roman im alten Stil
Wird meines Lebensabends Ziel.
Nicht grimmig will ich da berichten,
Was den Verbrecher heimlich quält,
Da werden einfach nacherzählt
Alte Familiengeschichten,
Der Liebe Traumbefangenheit,
Die Sitten unsrer alten Zeit.

XIV

Ich wiederhol, was ungezwungen
Der Vater oder Onkel sprach,
Begleit zum Stelldichein die Jungen
Beim alten Lindenbaum am Bach,
Laß sie von Eifersucht verzehren,
Sich trennen, weinen, wiederkehren,
Erneut sich zanken, und zum Schluß
Sich finden vorm Altar im Kuß...
Der Worte, die die Lust versüßen,
Und jener, die die Sehnsucht leiht,
Gedenk ich dann, die seinerzeit
Zu irgendeiner Schönheit Füßen
Ich selbst so leicht hervorgestöhnt
Und mir inzwischen abgewöhnt.

XV

Tatjana, die mir lieb und teuer!
Ich weine mit dir, tief bewegt;
Hast einem Modeungeheuer
Dein Schicksal in die Hand gelegt.
Mein Kind, das wird entsetzlich enden;
Doch erst wird Hoffnung dich verblenden,
Du rufst nach dunkler Seligkeit,
Du wirst zum Leben süß bereit,
Du trinkst das Zaubergift Verlangen,
Du wirst verfolgt von deinem Traum:
Du stellst dir vor, in jedem Raum
Wink dir das Glück, ihn zu empfangen;
Verhängnisvoll, auf Schritt und Tritt,
Geht dein Versucher mit dir mit.

XVI

Die Sehnsucht treibt Tatjana wieder,
Zum Trauern in den Park zu gehn,
Sie schlägt die starren Augen nieder,
Bleibt plötzlich unentschlossen stehn,
Ihr Busen hebt sich, ihre Wangen
Erglühn, als ob sie Feuer fangen,
Im Mund erstirbt der Atemhauch,
Es summt im Ohr, es tanzt vorm Aug ...
Bald wird es Nacht; der Mond umschreitet
Als Wächter still das Himmelsrund,
Die Nachtigall im Waldesgrund
Melodischen Gesang verbreitet.
Tatjana schläft im Dunkeln nicht,
Kaum hört die Njanja, was sie spricht:

XVII

»Ich kann nicht schlafen. Hörst du, Njanja?
Mach's Fenster auf, es ist so schwül!
Setz dich zu mir!« – »Was ist dir, Tanja?« –
»Erzähl mir irgendwas, gleichviel...«
— »Ja was denn, Tanja? Ach, vor Jahren,
Da konnt ich viel im Kopf bewahren,
Was so die alten Märchen sind,
Vom bösen Geist, vom Königskind;
Doch nun ist's dunkel, liebe Seele,
Was ich gewußt, vergaß ich. Nein,
Es ist nicht schön, so alt zu sein!
Wie weggeblasen ...« – »Dann erzähle,
Wie es in deiner Jugend war:
Du warst doch auch verliebt, nicht wahr?«

XVIII

— »Verliebt? Ach, Tanja, meine Güte!
Von Liebe sprach man damals nie;
Die Schwiegermutter, Gott behüte,
Hätt mich vom Hof gejagt, und wie!« —
»Und wie bist du zum Mann gekommen?«
— »Wie Gott es gab, hat man's genommen,
Wo doch mein Wanja jünger war,
Und ich, mein Kind, war dreizehn Jahr.
Zwei Wochen kam die Muhme täglich
Zu uns zum Werben, wie's halt Brauch,
Dann segnete mich Vater auch.
Ich hatte Angst und weinte kläglich,
Mit Jammern lösten sie mein Haar,
Und mit Gesang ging's zum Altar.

XIX

Ein fremdes Haus und fremde Leute ...
Mein Schatz, du hörst ja gar nicht zu ...« —
»Ach, Njanja, ich bin traurig heute,
Bin übel dran, du Liebe, du:
Ich könnte weinen, könnte heulen!...«
— »Kind, du bist unwohl; laß mich eilen,
Herrgott im Himmel, steh mir bei!
Was du auch willst, ich schaff's herbei...
Will gleich geweihtes Wasser holen,
Du glühst ja ganz ...« – »Nein, Njanja, ich .
Ich bin nicht krank: verliebt bin ich.«
— »Mein armes Kind, sei Gott befohlen!« —
Und sie bekreuzigte geschwind
Mit altersschwacher Hand das Kind.

XX

»Ich bin verliebt«, gestand aufs neue
Tatjana leise und betrübt.
– »Du bist nicht wohl, bei meiner Treue.
»Nein, laß mich doch: ich bin verliebt.«
Indessen schien der Mond noch immer
Und taucht in seinen matten Schimmer
Tatjanas blasse Reize ein,
Nicht nur die offnen Haare, nein,
Auch ein paar Tränen, und im Eckchen,
Der jungen Heldin nahgerückt,
Die Alte auf der Bank, gebückt,
Im Kopftuch und im Wattejäckchen;
Und alles ruhte rings so still,
Wie der Gedankenfreund es will.

XXI

Tatjana schaute herzverloren
Gar lange auf den Mond. Und da
War der Gedanke schon geboren ...
»Geh, laß mich jetzt alleine, ja?
Gib mir Papier und Feder rüber
Und rück den Tisch etwas herüber!
Ich geh zu Bett. Leb wohl!« – Allein!
Kein Laut. Als Licht nur Mondenschein.
Tatjana schreibt, halb aufgerichtet
Und stets Jewgenis Bild im Sinn,
Im unbedachten Briefe hin,
Was Unschuld liebend sich erdichtet.
Dann faltet sie's zusammen schön ...
Ach, Tanja! Weißt du auch, an wen?

XXII

Ich kannte Schöne, die so sittlich,
So kalt, wie nur der Winter gleißt,
So unbestechlich, unerbittlich,
So unbegreiflich meinem Geist;
Bestaunte ihre Modejugend
Und ihre angeborne Tugend
Und floh vor ihnen, ich gesteh's,
Glaubt ich doch schaudernd oft, ich les'
Auf ihrer Stirn den Spruch der Hölle:
Laß alle Hoffnung nun zurück!
Abschrecken gilt für sie als Glück,
Geliebtsein als des Unglücks Quelle.
Mein Leser an der Newa Strand
Wohl auch dergleichen Damen fand.

XXIII

Ich fand auch jene andern Damen,
Die, von Verehrern gern umringt,
Gleichgültig–stolz entgegennahmen,
Was Leidenschaft anbetend bringt.
Und was erkannte ich mit Staunen?
Sie, die mit ihren schroffen Launen
Zaghafte Liebe oft verschreckt,
Hatten sie spielend neu geweckt,
Und sei's auch nur, daß eine Wendung
Nach Mitleid klang, daß hier und dort
Sich milder angehört ein Wort,
Und in leichtgläubiger Verblendung
Lief der Verliebte, jung und schwach,
Dem lieben Nichts schon wieder nach.

XXIV

Ist denn Tatjana mehr zu tadeln,
Weil holde Einfalt ihr erlaubt,
Ihr Traumgebild als wahr zu adeln,
Und sie ganz ehrlich daran glaubt?
Weil sie nur liebt, ohne Kalküle,
Gehorsam einzig dem Gefühle,
Weil so vertrauensselig sie,
Weil ihr der Himmel selbst verlieh
Die Phantasie, die leicht entzündet,
Den Geist, der niemals träg und still,
Den Kopf, der durchsetzt, was er will,
Das Herz, das heiß und zart empfindet?
Verzeiht man ihr denn wirklich nicht
Den Leichtsinn, der aus Liebe spricht?

XXV

Versierte nutzen kalt die Triebe,
Tatjana liebt im Ernst, und blind
Ergibt sie ganz sich dieser Liebe
Und vorbehaltlos wie ein Kind.
Sie sagt nicht: Erst einmal verweigern –
Das wird den Preis der Liebe steigern,
So geht ins Netz er sicherlich:
Erst für die Eitelkeit ein Stich,
Damit er hoffen kann, dann gießen
Wir Zweifel ihm ins Herz, und dann
Heizen die Eifersucht wir an,
Sonst ist, gelangweilt vom Genießen,
Der schlaue Häftling jederzeit
Den Fesseln zu entfliehn bereit.

XXVI

Hier stoß ich nun auf Schwierigkeiten:
Wenn mir der Heimat Ehre lieb,
Muß ich zur Übersetzung schreiten
Des Briefes, den Tatjana schrieb.
Ihr Russisch ist nie gut gewesen,
Journale hat sie nie gelesen,
So fiel der Ausdruck ihr bisher
In ihrer Muttersprache schwer.
Drum schrieb sie auf französisch eben...
Was tun! Wie schon gesagt: bis heut
Ward unsrer Damen Lieb und Leid
Auf russisch noch nicht kundgegeben,
Denn unsre stolze Sprache sträubt
Sich, daß man sie prosaisch schreibt.

XXVII

Ich weiß: man will die Damen quälen
Mit Russischlesen. – Unverstand!
Mich schaudert's, sie mir vorzustellen
Den Wohlgesinnten in der Hand!
Bezeugt es mir, Apollos Jünger;
Ist es nicht so: die lieben Dinger,
Für die, auf daß man euch vergibt,
Ihr heimlich eure Verse schriebt
Und denen euer Herz gewogen,
Beherrschten denn nicht alle sie
Ihr Russisch schwach und nur mit Müh
Und haben es so nett verbogen?
Und klang in ihrem Mund der Laut
Der fremden Sprache nicht vertraut?

XXVIII

Man denke nur, ich träf beim Balle
Oder danach, bewahr mich Gott,
Studenten an im gelben Schale
Und Professoren im Kapott!
Erst Lächeln macht den Mund sympathisch,
Erst, wenn es nicht ganz stimmt grammatisch,
Kann ich am Russischen mich freun.
Vielleicht geschieht's zu meiner Pein,
Daß künftig unsre jungen Schönen
Noch der Journale Flehn erhörn,
Uns russische Grammatik lehrn
Und an Gedichte sich gewöhnen;
Doch ich ... was kümmert mich das heut?
Ich bleibe treu der alten Zeit.

XXIX

Nachlässig–ungenaues Schwätzen,
Das nie von Regeln was gewußt,
Wird auch in Zukunft noch versetzen
In süße Wallung meine Brust;
Zur Reue mangelt mir die Stärke,
Und Gallizismen, wie ich merke,
Sind mir wie Jugendsünden lieb,
Wie das, was Bogdanowitsch schrieb.
Genug! Ich hab mich zu befassen
Jetzt mit dem Brief der Schönen mein;
Ich gab mein Wort, und nun?, ach nein,
Würd ich's am liebsten bleiben lassen.
Ich weiß: Parnys verliebter Stil
Gilt heutzutage nicht mehr viel.

XXX

Sänger des »Fests« und dumpfer Leiden,
O wärst du noch mit mir vereint,
Bedrängte ich dich unbescheiden
Mit dieser Bitte, lieber Freund:
Im Zaubertone deiner Lieder
Bring uns aus fremder Sprache wieder
Die Worte der verliebten Maid.
Wo bist du? Komm, ich bin bereit,
Mein Anrecht dir zu überlassen ...
Doch zwischen Felsen öd und stumm
Und ganz entwöhnt von Lob und Ruhm,
Schweift er, wo Finnlands Himmel blassen,
Allein und unstet, und sein Herz
Kann nicht vernehmen meinen Schmerz.

XXXI

Tatjanas Brief liegt vor mir eben;
Ich hüte ihn mit heiliger Scheu,
Ich les ihn mit geheimem Beben
Und muß ihn lesen stets aufs neu.
Wer war's, der sie so zärtlich machte,
Woher dies lieblich Unbedachte,
Von wem der Unsinn, der so rührt,
Wenn Herzenswahn die Rede führt,
Die reizend ist und doch gefährlich?
Ich kann es nicht verstehn. Doch hier
Die Übersetzung nun von mir,
Des Urbilds Abbild, blaß und spärlich,
So wie der Freischütz klingt, wenn ihn
Unsicher übt die Schülerin:

Tatjanas Brief an Onegin

Ich schreib an Sie – muß ich's begründen?
Sagt dies nicht mehr, als Worte tun?
Sie dürfen, wenn Sie's richtig finden,
Mich strafen mit Verachtung nun.
Doch wenn Sie etwas mitempfinden
Mit meinem traurigen Geschick,
So stoßen Sie mich nicht zurück.
Erst wollt ich's schweigend auf mich nehmen;
Sie hätten niemals, glauben Sie,
Mich so beschämt gesehen, nie,
Könnt ich nur hoffen, daß Sie kämen,
Nicht oft, nur einmal wöchentlich,
Und schauten rein; es freute mich,
Nur Ihre Stimme mal zu hören,
Ein Wort zu wechseln, und alsdann
Bei Tag und Nacht zu denken dran,
Dran denken, bis Sie wiederkehren.
Doch heißt es, Sie sind menschenscheu;
Hier draußen kann Sie nichts zerstreuen,
Wir ... bieten auch nicht viel; dabei
Würd Ihr Besuch uns ehrlich freuen.

Warum kam Ihr Besuch zustand?
Im Kreis vergeßner Landdomänen
Hätt ich Sie sonst doch nie gekannt,
Hätt nie gekannt dies bittre Sehnen.
Der unerfahrnen Seele Stöhnen
Hätt ich beruhigt und wohl gar
Den Freund, der zu mir paßt, gefunden,
Mich ihm als Gattin treu verbunden
Und Mutter seiner Kinderschar.
Ein Andrer!... Nein! Niemand hienieden
War ich imstand mein Herz zu weihn!
Im höchsten Ratschluß ist's entschieden ...
Der Himmel will es: ich bin Dein;
Mein Leben war dafür verpfändet,
Daß Du mich triffst und löst es ein;
Ich weiß es: Gott hat Dich gesendet,
Mein Hüter bis ans Grab zu sein ...
Du bist mir oft im Traum erschienen,
Ich liebt Dich, eh ich Dich gesehn,
Dein Zauberblick ließ mich vergehn,
Und Deine Stimme klang tief innen
Mir längst... das war kein Traum, viel mehr!
Kaum tratst Du ein, und ich erkannte,
Ich fühlte nichts mehr, ich entbrannte
Und sprach im Geiste: das ist Er!
Es stimmt doch, daß ich oft Dich hörte:
Sprachst Du mir nicht im stillen zu,
Wenn ich den Armen Brot bescherte
Und wenn ich im Gebet begehrte,
Daß meine Seele fände Ruh?
Und warst grad eben hier im Zimmer
Nicht Du das liebe Bild, der Schimmer,
Der, aus dem Dunkel aufgetaucht,
Zu meinem Kissen sanft sich neigte?
Warst Du's nicht, der mir Trost erzeigte
Und Lieb' und Hoffnung zugehaucht?
Wer bist Du? Engel, der mich hütet?
Versucher, der Verderben brütet?
Mach mich von meinem Zweifel frei.
Vielleicht ist gar nichts dran an allem,
Ist's nur naive Schwärmerei,
Und anders ist das Los gefallen?
Wie dem auch sei! Mein Schicksal will
Ich Dir ab heute anvertrauen;
Vor Dir vergieß ich Tränen still,
Laß mich auf Deinen Schutz nur bauen ...
Bedenke: Ich bin hier allein,
Kein Mensch ist da, der mich verstünde,
Und wenn ich keine Lösung finde,
Wird es mein stummes Ende sein.
Ich harre Dein: Mit einem Blicke
Laß Hoffnung neu ins Herz mir ziehn,
Wenn aber Vorwurf ich verdien,
Reiß meinen schweren Traum in Stücke!

Ich schließe! Schrecklich, was ich schrieb
Ich sterbe fast vor Scham und Grauen ...
Doch da mir Ihre Ehre blieb,
Will ich mich kühn ihr anvertrauen.

XXXII

Tatjana fließt von Seufzern über,
Der Brief in ihren Händen bebt;
Die Zunge trocknet wie im Fieber,
Daß kaum das rosa Siegel klebt.
Wie sie das Köpfchen seitwärts neigte,
Glitt ab das leichte Hemd und zeigte
Der Schulter schimmerndes Oval...
Doch schon begann des Mondes Strahl
Zu blassen. Und die Talesweite
Wird hell im Frühdunst. Und der Bach
Erfunkelt silbern; schon ruft wach
Das Hirtenhorn die Bauersleute.
Es tagt: Schon längst ist alles auf;
Tatjana achtet nicht darauf.

XXXIII

Sie nimmt nicht wahr den Frührotschimmer,
Sitzt da, gesenkten Hauptes jetzt,
Hat das gravierte Siegel immer
Noch nicht auf ihren Brief gesetzt.
Da geht die Tür auf eine Spalte,
Es kommt Filipjewna, die Alte,
Mit dem Tablett und Tee darauf.
»Es ist schon Zeit, mein Kind, steh auf:
Ja was? Du bist schon angezogen?
Ei, so ein frühes Vögelein!
Und jagte solche Angst mir ein!
Doch jetzt ist es, gottlob, verflogen!
Von Krankheit keine Spur zu sehn.
So frisch und rot und morgenschön.«

XXXIV

»Ach, Njanja, darf ich dich was bitten?«
— »Befiehl, mein Liebes, was du willst.« —
»Doch denk nicht... weißt du ... nichts zu Dritten!
Ob du wohl meinen Wunsch erfüllst?«
— »Hab ich dir je was abgeschlagen?« —
»Nun gut. Dann laß den Brief hier tragen
Von deinem Enkel zu dem ... na ...
Du weißt, zu O... dem Nachbarn da ...
Der Bub soll keinem was erzählen,
Und daß er mich nicht etwa nennt...«
— »Ach, wenn ich's nur erraten könnt.
Nein, wie mir die Gedanken fehlen!
Nachbarn gibt's hier wie Sand am Meer;
Wer zählte die schon alle her.«

XXXV

»Ach, daß du gar nicht draufkommst, Njanja!«
— »Mein liebes Kind, ich bin halt alt,
Zu alt; schwer von Begriff schon, Tanja;
Ja, früher dacht ich manchmal: halt,
Versteh das Wort der Herrschaft richtig ...« —
»Ach Njanja, das ist doch nicht wichtig.
Hier kommt es nicht auf Scharfsinn an.
Es geht doch um den Brief nur an ...
Onegin.« – »Siehst du, das versteh ich,
Mein Schatz, sei mir nicht böse drum;
Weißt, manchmal bin ich schrecklich dumm ...
Du wirst ja wieder blaß, was seh ich?« —
»Nichts, Njanja, nichts; was hast du bloß?
Geh, schick jetzt deinen Enkel los.«

XXXVI

Der Tag verging, kein Brief kam leider.
Am nächsten Tag – noch immer nichts.
Tanja zog früh schon an die Kleider
Und harrte bleichen Angesichts.
Olgas Verehrer war erschienen.
Die Mutter fragt: »Wie geht es Ihnen?
Wo steckt denn eigentlich Ihr Freund?
Hat uns vergessen, wie mir scheint.«
Tatjana bebt beim Wort der Alten.
— »Er sagte mir, er käme heut«,
Gibt Lenski der Mama Bescheid,
»Die Post hat ihn wohl aufgehalten.« —
Tatjana glüht und senkt den Blick,
Als fiel die Schuld auf sie zurück.

XXXVII

Es dämmerte, am Tisch stand blitzend
Der Samowar und summte laut,
Den Chinateetopf miterhitzend,
Von Wölkchen leichten Dampfs umbraut;
Und Olgas Hand hat in die Tassen
In dunklem Strahle fließen lassen
Bereits den Tee, der herrlich roch,
Ein Diener reichte Sahne noch;
Tatjana mocht am Tisch nicht sitzen,
Sie stand am Fenster, haucht' es an
Und malte in Gedanken dann
Mit ihren hübschen Fingerspitzen
Auf die beschlagne Scheibe hin
Ein O mit einem E darin.

XXXVIII

Die Seele schmerzte sie und harrte,
Ihr Sehnsuchtsblick war tränenfeucht.
Da: Pferdetrappeln!... Sie erstarrte.
Ganz nah! ... Schon hat's den Hof erreicht.
Jewgeni! – »Ach!« – In Blitzesschnelle
Ist Tanja draußen an der Schwelle,
Am Treppchen, in den Garten rein,
Sie läuft und läuft; nicht umschaun, nein,
Nur fort; sie ist in Augenblicken
Vorbei an Beeten, Brückchen, See,
Dem Wald, der Wiese, der Allee,
Im Flieder, dessen Zweige knicken,
Und fliegt durch Blumen hin zum Bach,
Und sinkt erschöpft mit einem Ach

XXXIX

Dort auf die Bank ...
»Er ist gekommen!
Mein Gott, was er wohl von mir denkt!«
Ihr Herz, von Qualen noch benommen,
Am dunklen Traum der Hoffnung hängt.
Sie zittert, Glut will sie verzehren,
Sie wartet: Kommt er? – Nichts zu hören.
Nur Mägde waren ziemlich spät
Beim Beerenpflücken noch im Beet
Und sangen laut, wie sie geheißen.
(Und dies Geheiß hat seinen Grund,
Den nämlich, daß ihr Leckermund
Nicht in der Herrschaft Obst zu beißen
Imstande wär, solang er sang:
Ein Trick, der Bauernwitz entsprang!)

Lied der Mädchen

Mädchen, schön wie Milch und Blut,
Freundinnen, Gefährtinnen,
Kommt, wir wollen fröhlich sein,
Kommt, wir tanzen Ringelreihn!
Stimmt dazu das Liedchen an,
Unser Lied, das heimliche;
Lockt den jungen Burschen her,
Her zu unserm Reigentanz!
Haben wir ihn hergelockt,
Sehn wir ihn von ferne stehn,
Laufen auseinander wir,
Werfen ihn mit Kirschen dann,
Kirschen und Johannisbeern,
Und mit roten Himbeern auch.
Komm nicht her, belausche nicht
Unser Lied, das heimliche,
Komm nicht her und schaue nicht
Unsern Mädchenspielen zu!

XL

So singen sie, und wider Willen
Vernimmt Tatjana den Gesang;
Sie hofft voll Ungeduld im stillen,
Daß ruhig werd des Herzens Gang,
Daß ihrer Wangen Glut verschwinde.
Doch weiter schlägt die Brust geschwinde,
Der Wangen Glut geht nicht zurück,
Wird heißer jeden Augenblick ...
So flattert mit dem bunten Flügel
Der unglückliche Schmetterling,
Wenn ihn zum Spaß ein Schulbub fing;
So bebt das Häschen hinterm Hügel,
Wenn's plötzlich im Gebüsch erkannt
Den Jäger, der die Büchse spannt.

XLI

Doch schließlich seufzt sie still ergeben,
Steht auf von ihrer Bank und geht:
Will zur Allee einbiegen eben,
Als unvermutet vor ihr steht,
Als Schatten drohend aus dem Dunkeln,
Jewgeni, dessen Blicke funkeln;
Als hätte Feuer sie gebrannt,
Blieb sie da stehen, wo sie stand.
Doch von des Treffens Weiterungen
Zu geben pünktlichen Bericht,
Vermag ich, Freunde, heute nicht;
Es ziemt, wenn man so lang gesungen,
Daß man sich Luft und Ruhe gönnt:
Fuhr's später irgendwie zu End.


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Оригінал твору

Бібліотека ім. О. С. Пушкіна (м. Київ).
А.С. Пушкин. Полное собрание сочинений в десяти томах

 

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