Jewgeni Onegin. Achtes Kapitel
Твори О.С. Пушкіна.Переклад німецькою мовою. > Jewgeni Onegin>Achtes Kapitel

 

ACHTES KAPITEL

Fare thee well, and if for ever
Still for ever fare thee well.*

(Byron)

*Leb nun wohl, und war's für immer,
Auch für immer leb nun wohl.
I.

Damals, als ungestört mein Wesen
Erblühte im Lyzeumspark,
Ich Apulejum gern gelesen,
Doch Ciceronem nicht so arg,
Da, in verwunschnen Gartentiefen,
Im Frühling, als die Schwäne riefen,
Fand sich an stiller Wasser Schein
Die Muse erstmals bei mir ein.
Und plötzlich war von Licht durchflossen
Mein Kämmerlein: Die Muse lud
Zum Mahl den jungen Übermut,
Besang bald kindisch frohe Possen,
Bald unsrer Ahnen Ruhmeszeit,
Bald Herzens bange Seligkeit.

II.
Die Welt hieß lächelnd sie willkommen;
Erster Erfolg trug uns empor;
Derschawin hat uns wahrgenommen
Und segnet' uns vom Grabestor.
…………………………………
…………………………………
…………………………………
…………………………………
…………………………………
…………………………………
…………………………………
…………………………………
…………………………………
…………………………………

III.
Doch ich, der zum Gesetz sich machte,
Was blinde Leidenschaft ihm riet,
Der dachte, wie die Menge dachte,
Ich nahm die kecke Muse mit
Zu Festlärm, heißen Diskussionen,
Zu Mitternachtsexpeditionen:
Und zügelloser Zecherschar
Bot sie dann ihre Gaben dar,
Wenn sie bacchantisch beim Gelage
Vorsang den Gästen zum Pläsier;
Gar heiß verehrten sie dafür
Die jungen Leute jener Tage,
Und stolz war ich im Freundeskreis
Auf meine Freundin Naseweis.

IV.
Doch schied ich bald aus diesem Kreise
Und floh ... Die Muse floh mir nach.
Wie oft hat sie die stumme Reise
Versüßt, indem sie zärtlich sprach
Zu mir geheime Zauberworte!
Wie oft ritt sie am Felsenborte
Des Kaukasus, Lenoren gleich,
Mit mir zu Pferde, mondscheinbleich!
Wie oft führt' sie zu Tauris' Küsten
In finstrer Nacht mich, daß ich lausch
Des Meeres ewigem Geräusch,
Der Nereiden stetem Flüstern,
Der Wogen Chor, der dunkel grollt
Und Lob dem Herrn der Welten zollt.

V.
Und sie vergaß die Lustbarkeiten
Der Hauptstadt und den Lärm der Welt,
In Bessarabiens öden Weiten
War oft sie im bescheidnen Zelt
Zu Gast bei wanderfrohen Horden,
Ist selbst zur Wilden dort geworden,
Vergaß des göttlichen Gesangs
Für Sprachen seltsam kargen Klangs,
Für die geliebten Steppenlieder ...
Doch bald sah alles anders aus,
Und sie erschien vor meinem Haus
Als provinzielles Fräulein wieder,
Das traurig dort im Garten saß
Und ein französisch Büchlein las.

VI.
Und nun bin erstmals ich gegangen
Mit ihr auf ein mondänes Rout
Und hab mit eifersüchtigem Bangen
Auf ihren Steppencharme geschaut.
Sie schlängelt um Aristokraten,
Galamonturen, Diplomaten
Und stolze Damen sich herum;
Sie setzt sich, schaut sich schweigend um,
Die bunte Vielfalt zu genießen
Aus Stimmgewirr und Kleiderglast,
Wie langsam eintrifft Gast um Gast,
Die Frau des Hauses zu begrüßen,
Und wie die Herrn so schwarz und schön
Gleich Rahmen um die Damen stehn.

VII.
Ihr imponiert die Formenstrenge,
Die man hier oligarchisch pflegt,
Dies Spiel der Alter und der Ränge,
Von kühl-gelaßnem Stolz geprägt.
Doch hier, wo jeder auserkoren,
Steht einer schweigsam und verloren,
Den keiner recht zu kennen scheint.
Er schaut sich um im Saal und meint,
Ein lästiger Spuk zog da vorüber.
Krankhafter Hochmut? Oder Spleen?
Wie kam er überhaupt hierhin?
Wer ist er? Doch nicht unser lieber
Jewgeni etwa? In der Tat!
– Seit wann ist er in unsrer Stadt?

VIII.
Ist er wie sonst noch? Ward er bieder?
Blieb er ein Sonderling, ein Narr?
Erzähln Sie doch: Wie kam er wieder?
Und was stellt er uns diesmal dar?
Wie spielt er heut sich auf? Melmothisch,
Kosmopolitisch, patriotisch,
Haroldisch, quäkerisch, bigott,
Noch anderswie maskiert zum Spott,
Oder als braver Zeitgenosse,
Wie Sie und ich, wie jedermann?
Mein Rat, zumindest, wäre dann:
Schluß mit der antiquierten Posse!
Er legte oft genug uns rein ...
– Sie kennen ihn? – Nun, ja und nein.

IX.
– Warum sind Sie so unnachsichtig
In Ihrem Urteil über ihn?
Ist's, weil wir stets nach falsch und richtig
Uns alles einzuordnen mühn?
Weil Unbedachtheit heißer Herzen
Beleidigt oder reizt zu Scherzen
Die selbstgefällige Nichtigkeit,
Weil uns beengt ein Geist, der weit,
Weil wir nur allzugerne zählen,
Was nur Gerede ist, als Tat,
Weil Dummheit Lust an Bosheit hat,
Weil Große größer auch im Fehlen
Und nur die Mediokrität
Nicht über unsre Kräfte geht?

X.
Wohl dem, der, jung, sich jung erfahren,
Wohl dem, der reifte, als es Zeit,
Der auszuhalten mit den Jahren
Des Lebens Kälte ward bereit;
Der niemals Ungereimtes träumte,
Mondänen Umgang nie versäumte,
Mit zwanzig Geck und Weiberheld,
Mit dreißig vorteilhaft vermählt,
Mit fünfzig endlich losgeworden
Fremder und eigner Schulden Last,
Der Reihe nach sich ohne Hast
Erworben Ruhm, Geld, Rang und Orden,
Von dem man stets nur sagen hört:
Herr X ist aller Ehren wert.

XL
Doch traurig, denkt man, daß vergebens
Die Jugend uns verliehen ward,
Daß wir verrieten sie zeitlebens,
Daß sie am End uns nur genarrt;
Daß unsre höchsten, reinsten Ziele,
Daß unsre Blütentraumgefühle
In rascher Folge bald zu Staub
Zerfielen wie verwestes Laub.
Wie unerträglich, nur Empfänge
Noch zu erwarten ohne Zahl,
Das Leben sehn als Ritual
Und mitzutrotten mit der Menge,
Obgleich uns nichts von dem erwärmt,
Woran sie glaubt, wovon sie schwärmt.

XII.
Wer Anlaß gab zum Meinungsstreite,
Erträgt nicht (wie Sie wohl verstehn),
Wenn ihn vernunftbegabte Leute
Als stilisierten Kauz ansehn
Oder als an des Wahnsinns Schwelle
Oder als Ausgeburt der Hölle,
Als meinen »Dämon« gar zuletzt.
Onegin (er kommt wieder jetzt),
Der im Duell den Freund erschossen,
Der sechsundzwanzig Jahre nun
Schon lebte, ohne was zu tun,
Vom steten Müßiggang verdrossen,
Fand, ohne Amt und Frau und Zwang,
Kein Ziel für seinen Tatendrang.

XIII.
Und ruhlos trieb ihn bald von hinnen
Ständiger Ortsverändrung Reiz
(Ein äußerst mühsames Beginnen,
Nur wenigen selbsterwähltes Kreuz).
Zurück ließ er sein Dorf, die Felder,
Die Abgeschiedenheit der Wälder,
Wo ihn ein Schatten blutbefleckt
An jedem Tag aufs neue schreckt,
Und ziellos fing er an zu wandern,
Zugänglich dem Gefühl allein;
Dann stellte Überdruß sich ein
Am Reisen wie an allem ändern;
Er kam, wie Tschazki, heim und fand
Beim Ball sich wieder, kaum an Land.

XIV.
Da stutzt die plötzlich aufmerksame
Gesellschaft, Flüstern rings im Saal...
Zur Hausherrin tritt eine Dame,
Ihr folgt ein würdiger General.
Sie war nicht hastig oder heftig,
Nicht kalt, nicht redselig–geschäftig,
Ihr Blick war frei von Spott und Hohn,
Sie gab sich ohne Ambition,
Ganz ohne jene kleinen Kniffe,
Nichts Nachgemachtes, kein Gezier ...
Alles war ruhig, schlicht an ihr,
Sie glich, so schien's, dem Inbegriffe
Du comme ilfaut... (Schischkow, ich weiß
Kein russisch Wort dafür: verzeih's.)

XV.
Die Damen sah man zu ihr streben,
Ihr lächelten die ältren Fraun;
Die Herren grüßten tiefergeben,
Bemüht, ins Auge ihr zu schaun;
Die Jungfern warn im gleichen Falle
Sehr scheu; und höher hielt als alle
Die Nase und die Schultern hier
Der General, ihr Kavalier.
Wer hätte schön sie nennen können?
Und doch: vom Scheitel zu den Zehn
War keine Spur an ihr zu sehn
Von dem, was modisch zu benennen
Pflegt Londons High Society
Als vulgär. (Nein, ich weiß nicht, wie…

XVI.
Obwohl das Wort mir lieb und teuer,
Ich weiß nicht, wie man's übersetzt;
Es wird bei uns als ziemlich neuer
Begriff vermutlich unterschätzt.
Geeignet war's für Epigramme ...)
Jedoch zurück zu unsrer Dame.
Ihr Liebreiz war so kunstlos–frisch,
Grad eben saß sie dort am Tisch
Bei Nina Woronskaja, jener
Kleopatra vom Newastrand;
Und sicher hätten Sie bekannt,
Daß Nina, wenn auch marmorschöner
Und wirklich blendend, wie gemalt,
Die Nachbarin nicht überstrahlt.

XVII.
Jewgeni denkt: »Ist das am Ende ...
Ist sie's? Natürlich ... Aber nein ...
Aus finsterster Provinz, wie fände ...«
Und sein Lorgnett stellt er nun ein
Auf die, bei der ihn überkommen
Erinnerung, wenn auch verschwommen,
An ein vergessenes Gesicht.
»Sag, Fürst, kennst du die Dame nicht
Im rötlichen Barett, zu Seiten
Des spanischen Gesandten da?«
Der Fürst betrachtet ihn. »Aha!
Schon lange nicht mehr unter Leuten!
Komm mit, gleich weißt du es genau.« –
»Zu ihr? Wer ist sie?« – »Meine Frau.« –

XVIII.
»Du bist?... Das könnt ich doch nicht ahnen!
Wie lange schon?« – »Zwei Jahre bald.« –
»Mit wem?« – »'ner Larin.« — »Mit Tatjanen!«
»Ihr seid bekannt?« – »Gutsnachbarn halt.« –
»Oh, na dann komm!« Der Fürst entführt ihn
Zu seiner Frau und avisiert ihn
Als alten Freund, entfernt verwandt.
Die Fürstin hat sich umgewandt,
Und was auch für Gefühle stritten
In ihrer Seele, wie sie jetzt
Auch überrascht war, ja entsetzt,
Die Herrschaft ist ihr nicht entglitten,
Ihr Ton blieb vornehm, ruhig, schlicht,
Und auch ihr Gruß verriet sie nicht.

XIX.
Nein, nein! Da gab es kein Erbeben,
Nicht Blaß noch Rot schoß ins Gesicht,
Nicht mal ein Augenbrauenheben,
Sogar den Mund verzog sie nicht.
Onegin fand, wie er auch immer
Sich mühte, nicht den kleinsten Schimmer
Der früheren Tatjana hier.
Und als er reden wollt mit ihr,
Da – könnt er's nicht. Sie frug nach Daten,
Seit wann er hier sei, wo er war,
Ob nicht in ihrer Heimat gar?
Dann richtete sie auf den Gatten
Den müden Blick noch und entschwand ...
Und er blieb stehn wie festgebannt.

XX.
Ist's wahr, daß eben die Tatjana,
Der er vertraulich seinerzeit,
Ganz vorn in unserem Romane,
In dörflicher Verlassenheit
Noch missionarisch engagierte
Morallektionen vordozierte,
Daß die, von der er noch besitzt
Den Brief, wo sich so ungeschützt,
So rückhaltlos ihr Herz bekannte,
Daß dieses Mädchen ... träumt er nicht?
Dies Mädchen, dem er kein Gewicht
Im Dorfe damals zuerkannte,
Daß sie mit ihm jetzt – ist das wahr? –
So sicher, so gelassen war?

XXI.
Er kehrt dem lauten Rout den Rücken,
Er fährt, ganz in Gedanken, heim;
Ein Traum, bald Trauer, bald Entzücken,
Sucht seinen späten Schlummer heim.
Kaum wacht er, wird ihm übermittelt
Ein Brief: Zum Abendessen bittet
Ergebenst ihn Fürst X. »Zu ihr!...
Ja, ja, ich komme!« Aufs Papier
Wirft er ein paar formelle Worte.
Was ist es, das in Bann ihn schlägt,
Was sich am Grund der Seele regt,
Die, kalt und trag, schon fast verdorrte?
Ist's Ärger? Laune? Ist's noch mal
Die Liebe gar, der Jugend Qual?

XXII.
Er sehnt, wie einst, herbei den Abend,
Verfolgt die Uhr, wie dazumal.
Da schlägt es zehn; und eilig trabend
Erreicht er alsbald das Portal,
Betritt der Fürstin Raum mit Beben;
Tatjana ist alleine eben,
Ein paar Minuten sind sie dort
Zusammen. Doch es will kein Wort
Ihm von den Lippen. Gar nicht wendig,
Antwortet er ihr ungeschickt
Das Nötigste. Und ihn bedrückt
Ein einziger Gedanke ständig.
Er starrt sie ständig an: Wie gut
Sie frei und zwanglos in sich ruht.

XXIII.
Da kam ihr Mann. Ein Ende machte
Er dem gequälten Tete-ä-tete,
Als mit Onegin er gedachte
Der Sachen, die sie einst gedreht;
Sie lachten beide. Neue Gäste
Belebten das Gespräch aufs beste,
Es würzend mit Gesellschaftsklatsch;
Da glänzte leichter Scherz und Tratsch
Ganz ohne dumme Affektiertheit,
Auch wechselte er manches Mal
Mit Themen, die nicht ganz banal,
Man mied Gemeinplatz und Geziertheit,
Und niemand störte hier der Ton
Der lebhaft–freien Diskussion.

XXIV.
Hier warn denn auch der Hauptstadt Beste
In Mode und Nobilität,
Und die man trifft auf jedem Feste,
Die Toren, ohne die's nicht geht;
Hier warn in Häubchen ältre Damen,
Die sich von fern recht bös ausnahmen;
Hier waren Jungfern auch ein paar,
Mit Mienen, jedes Lächelns bar;
Hier war ein Botschafter, der leise
Von Staatsgeschäften referiert;
Hier war, schlohweiß und parfümiert,
Ein Greis, der nach verjährter Weise
Viel Geist verwandte auf Bonmots,
Was heute gilt als komisch bloß.

XXV.
Hier war mit Epigrammgelüsten
Ein Herr, den alles reizt zum Hohn:
Der Tee, den sie zu stark ihm süßten,
Der Damen Geist, der Herren Ton,
Der Streit um den Roman von gestern,
Zwei kürzlich dekorierte Schwestern,
Der Krieg, der Zeitungen Geschreib,
Der Schnee und auch sein eignes Weib.
……………………………………….
……………………………………….
……………………………………….
……………………………………….
……………………………………….
……………………………………….

XXVI.
Hier war Prolassow, der bekannt war
Für seiner Seele Schäbigkeit,
Und der vom Stift St. Priests gebannt war
In jedes Album weit und breit.
Da stand, als Magazingravüre,
Ein andrer Ballheld an der Türe,
Rot wie ein Englein im Gesicht,
Geschnürt und stumm, und regt sich nicht.
Ein in zu stark gestärktem Kragen
Hierher verschlagner Voyageur
Bewirkte Lächeln ringsumher
Mit seinem mühsamen Betragen,
Man sah sich schweigend kurz nur an,
Und abgeurteilt war der Mann.

XXVII.
Den ganzen Abend denkt Onegin
Nur an Tatjana wie gebannt,
Nicht jenes Mädchen, das verlegen,
Verliebt und schlicht er einst gekannt,
Nein, die als Fürstin sicher schaltet,
Die unnahbar als Göttin waltet
Im Reich der prunkvollen Newa.
O Menschen! Alle gleicht ihr ja
Der Ältermutter Eva. Ehrlich:
Was euch gegeben, reizt euch kaum,
Zu dem geheimnisvollen Baum
Lockt euch die Schlange unaufhörlich;
Wenn's nicht verbotne Frucht verspricht,
Gilt Eden euch als Eden nicht.

XXVIII.
Wie hat Tatjana sich gewandelt!
Wie lebt sie ihre Rolle schon!
Wie sicher sie in allem handelt,
Was heischt die hohe Position!
Wer hätt das Mädchen suchen wollen
In dieser zwanglos hoheitsvollen
Gebieterin der Säle noch?
Und einst hat er das Herz ihr doch
Gerührt, um ihn hat sie vorzeiten,
Wenn Morpheus nachts ihr Lager mied,
In keuscher Sehnsucht stumm geglüht,
Da ließ den Blick zum Mond sie gleiten
Und träumte, mit ihm irgendwann
Zu ziehn des Lebens stille Bahn!

XXIX.
Der Liebe beugt sich jedes Alter,
Doch jungen, keuschen Herzen ist
Ihr Aufruhr Wohltat und Entfalter
Wie Feldern Sturm zur Frühlingsfrist:
Erst in der Leidenschaften Regen
Wachsen der Reife sie entgegen –
Des Lebens Fülle wird bereit
Zu Blütenflor und Fruchtbarkeit.
Doch traurig bleibt in späten Tagen,
Wenn abnimmt unsre Lebenskraft,
Die Spur der toten Leidenschaft:
So wandelt kalter Stürme Jagen
Im Herbst zum Sumpf das Wiesental
Und macht die Wälder trist und kahl.

XXX.
Kein Zweifel: ach! Jewgeni war in
Tatjana wie ein Kind verliebt;
Und Tag und Nacht muß er erfahren,
Wie Liebessehnsucht ihn betrübt.
Zum Trotz dem warnenden Verstande
Kommt er zur gläsernen Veranda
Vor ihrem Hause Tag um Tag;
Er jagt ihr wie ein Schatten nach;
Er ist beglückt, ihr umzulegen
Den weichen, schlangengleichen Schal,
Nur glühend zu berühren mal
Den Arm, zu teilen ihretwegen
Die Buntlivrierten vor der Tür,
Ein Tüchlein aufzuheben ihr.

XXXI.
Jedoch, wie sehr er sich auch immer
Bemühte, sie bemerkt ihn nicht.
Sie lädt ihn ein, sie trifft ihn – nimmer
Sie mehr als zwei, drei Worte spricht,
Manchmal muß ihm ein Nicken reichen,
Und manchmal tut sie nichts dergleichen:
Nicht, daß sie sich kokett verstellt –
Das gibt's nicht in der großen Welt.
Onegins Teint beginnt zu bleichen;
Sie sieht's nicht oder 's läßt sie kalt;
Onegin magert ab – um bald
Wie schwindsüchtig umherzuschleichen.
Zum Arzt zu gehn, rät jedermann,
Und jeder Arzt rät Kuren an.

XXXII.
Doch er verreist nicht; er verkündet
Schon seinen Ahnen im Vertraun,
Er käme bald; Tatjana findet,
Sie ging's nichts an (so sind die Fraun);
Er aber sträubt sich abzulassen,
Sucht neue Hoffnung noch zu fassen;
Was der Gesunde scheut, schreibt kühn
Mit schwacher Hand der Kranke hin:
Sein leidenschaftliches Geständnis.
Obgleich an Briefe überhaupt
Er, nicht zu Unrecht, wenig glaubt,
Quält doch zu sehr wohl die Erkenntnis:
Sein Herzeleid sitzt viel zu tief.
Hier habt ihr, Wort für Wort, den Brief.

Onegins Brief an Tatjana
Ich weiß im voraus: Sie verletzt,
Was ich hier Trauriges enthülle.
Welch bitterer Verachtungswille
Schleicht in Ihr stolzes Auge jetzt!
Was will ich denn? Zu welchem Ziele
Laß ich Sie meine Seele sehn?
Welch schadenfrohe Spottgefühle
Laß ich dadurch vielleicht entstehn!

Zufällig lernt ich einst Sie kennen,
Sah Sie in zarter Neigung brennen,
Doch ihr zu trauen, wagt ich nicht:
Zwang mich zu ungewohnter Scheuheit,
War meine abgestandne Freiheit
Mir zu bewahren nur erpicht.
Dann hat noch eines uns geschieden ...
Lenskis unseliges Opferlos ...
Von allem, was dem Herz hienieden
Lieb war, riß ich mein Herz da los;
Vereinsamt, unabhängig, müßig,
Glaubt ich, Freiheit und Muße war
Ersatz für Glück. Mein Gott! Wie sehr
Hab ich geirrt, wie bitter büß ich ...

Nein: unablässig Sie zu sehn,
Zu folgen Ihnen allerorten,
Ihr Lächeln, Ihren Blick erspähn
Verliebten Auges, Ihren Worten
Andächtig lauschen, mit dem Herz
All Ihres Wertes innewerden,
Vor Ihnen blaß, in Todesschmerz,
Vergehn ... heißt Seligkeit auf Erden!
Und das ist mir versagt. Gequält
Irr ich umher, wo ich Sie fände;
Statt daß mir Tag und Stunde zählt,
Sehn ich mich sinnlos und verschwende
Die Tage, die das Los mir ließ.
Bedrückend sind sie ohnedies.
Ich weiß: Mein Grab ist schon gegraben;
Und soll mein Leben weitergehn,
Muß morgens ich Gewißheit haben,
Im Lauf des Tages Sie zu sehn ...

Ich fürchte: Ihrem strengen Blicke
Erscheint mein demütiges Flehn
Als Winkelzug verpönter Tücke –
Ich hör Sie zornig schon mich schmähn.
Wenn Sie nur wüßten, wie verheerend
Der Durst nach Liebe an mir zehrt:
Zu glühn – mit dem Verstande wehrend
Dem Blut, das ständig aufbegehrt;
Nichts wünschen, als verströmen dürfen,
Mit Schluchzen an Ihr Knie gepreßt,
In Flehn, Gestehn und Selbstvorwürfen
Und allem, was sich sagen läßt,
Und dann, statt dessen, darauf achten,
Daß Blick und Rede nichts verrät,
Die Unterhaltung weitergeht,
Und Sie dabei noch froh betrachten! ...

Doch komme nun, was will: ich weiß
Mir selbst nicht mehr zu widerstreben.
Es sei: In Ihre Hand gegeben,
Geb ich mich meinem Schicksal preis.

XXXIII.
Kein Echo kommt. Ein neues Schreiben:
Aufs zweite, dritte wiederum
Kein Echo. Ins Gesellschaftstreiben
Stürzt er sich wieder; sieht sich um,
Auf einmal... sie. Wie eingefroren!
Kein Blick, kein Wort an ihn verloren;
Brr! wie sie jetzt umgeben war
Von Frost wie Anfang Januar!
Wie ihren Unmut zu verhalten
Die Lippen störrisch sich bemühn!
Onegin schaut noch schärfer hin:
Wo, wo Bestürztheit, Mitleidswalten?
Wo Tränenspur? ... Es gibt sie nicht!
Nur Zürnen zeichnet dies Gesicht…

XXXIV.
Und auch, vielleicht, die Angst ein wenig,
Ihr Mann oder die Welt erführ,
Wie schwach, dem Leichtsinn untertänig ..
Was nur Onegin weiß von ihr ...
Nein, hoffnungslos! Er fährt von hinnen,
Verwünscht sein törichtes Beginnen –
Und, tiefer drin verstrickt als je,
Sagt wieder er der Welt ade.
Und in der Stille seiner Klause
Kommt jene Zeit ihm in den Sinn,
Als unerbittlich ihn der Spleen
Verfolgte in der Welt Gebrause,
Ihn am Schlafittchen fortgezerrt
Und dann ins finstre Loch gesperrt.

XXXV.
Nun las er wieder, wie zuvor auch,
Ganz wahllos: Gibbon und Rousseau,
Manzoni, Herder und Chamfort auch,
Madame de Stael, Bichat, Tissot,
Las Bayle, dem Skepsis galt als Stärke,
Las Fontenelles gesamte Werke,
Las auch von unsern den und den,
Schien wirklich gar nichts zu verschmähn:
Nicht Almanache noch Journale,
Wo man uns sittlich unterweist,
Wo man mich heute so verreißt,
Und wo man solche Madrigale
Mir schrieb – die Zeit ist noch nicht fern:
E sempre bene, meine Herrn.

XXXVI.
Was half es? Seine Augen lesen,
Doch die Gedanken schweifen weit;
Im tiefsten Grund der Seele wesen
Begierden, Träume, Traurigkeit.
Er ließ, statt auf gedruckten Zeilen,
Sein innres Auge nun verweilen
Auf andren Zeilen. Dort hinein
Versenkt sich tief sein ganzes Sein.
Von dort aus dunklen Herzensreichen
Uralt–geheime Kunde drang,
Bald Traum ohne Zusammenhang,
Einflüstrung, Drohung, Zukunftszeichen,
Bald Märchen, lang und wirr, doch tief,
Bald eines jungen Mädchens Brief.

XXXVII.
Und all sein Denken, all sein Fühlen
Versinkt in eine Art von Trance,
Die Phantasie läßt vor ihm spielen
Nun ihre schillernde Patience.
Bald sieht er: mürber Schnee am Morgen,
Wo reglos, wie im Schlaf geborgen,
Ein Jüngling hegt; und wieder droht
Die Stimme ihm: »Tja, der ist tot!«
Bald sieht er längstvergeßne Feinde,
Verleumder, Schurken, feig und arm,
Der treulosen Geliebten Schwärm,
Den Kreis verachtenswerter »Freunde«,
Ein Gutshaus bald – und spät und früh
Am Fenster sie ... und immer sie!..

XXXVIII.
Er überließ sich den Gesichten,
Und sein Verstand kam in Gefahr,
Und beinah fing er an zu dichten.
Ich hätt es ihm gedankt, fürwahr!
Jawohl: Er hätt kraft Magnetismus
Russischer Verse Mechanismus
Begriffen damals um ein Haar,
So unbegabt er dafür war.
Schien er nicht wirklich ein Poet da,
Wenn er allein vor dem Kamin
Schnurrt' Idol mio vor sich hin
Oder vielleicht auch Benedetta,
Und ihm ins Feuer ab und zu
Die Zeitung fiel oder ein Schuh?

XXXIX.
Die Zeit rast; laue Winde wehten,
Schon lockert sich des Winters Band;
Onegin ward nicht zum Poeten,
Starb nicht, verlor nicht den Verstand.
Erfrischt vom ersten Frühlingsschimmer
Verläßt er die verschloßnen Zimmer,
Die Doppelfenster und den Mief,
Wo wie ein Murmeltier er schlief,
Um eines Morgens loszurasen
Im Schlitten zu den Newakais.
Das bläuliche geborstne Eis
Blinkt in der Sonne; auf den Straßen
Schmilzt der zerfurchte Schnee zu Dreck.
Wohin lenkt über ihn hinweg

XL.
Onegin seinen Lauf? Sie ahnen
Es schon und haben recht: Es war
Zu ihr gefahren, zu Tatjanen,
Mein unverbesserlicher Narr.
Trat, einem Toten zu vergleichen,
Ins Vestibül — kein Lebenszeichen.
Im Saal, noch weiter: niemand da.
Er öffnet eine Türe. Ja!
Was trifft so tief sein ganzes Wesen?
Allein, im Neglige, und blaß,
Die Fürstin selber vor ihm saß,
Sie schien in einem Brief zu lesen,
Auf eine Hand gestützt das Kinn,
Und weinte leise vor sich hin.

XLI.
Wer wäre von dem stummen Harme
Der Fürstin nicht sogleich gebannt!
Wer hätte Tanja da, die arme,
Die frühre Tanja nicht erkannt!
Voll Inbrunst, für ihr Leid zu büßen,
Wirft sich Jewgeni ihr zu Füßen;
Sie zuckt zusammen, aber dann
Schaut sie Onegin schweigend an,
Nicht Zorn noch Staunen im Gesichte …
Sein kranker Blick, der flackernd fleht,
Sein stummer Vorwurf — sie versteht
Das alles gut. Das herzlich–schlichte
Verträumte Mädchen frührer Zeit
War wiederauferstanden heut.

XLII.
Sie läßt ihn knien zu ihren Füßen,
Und, keinen Blick von ihm gewandt,
Entzieht sie seinen wilden Küssen
Nicht ihre teilnahmslose Hand ...
Was mag sich ihr im Innern zeigen?
Vorübergeht ein langes Schweigen,
Bevor sie leise sagt zum Schluß:
»Genug jetzt; stehn Sie auf. Ich muß
Mich Ihnen aufrichtig erklären.
Onegin, Sie erinnern sich,
Als das Geschick im Garten mich
Sie treffen ließ, wie Ihre Lehren
Ich angehört hab nach Gebühr?
Heut ist die Reihe nun an mir.

XLIII.
Onegin, damals war nicht nur ich
Sehr jung, und schöner sicherlich,
Ich liebte Sie; und was erfuhr ich?
Was hielt Ihr Herz bereit für mich?
Was war die Antwort? Nur Verwahrung.
Nicht wahr, Sie kannten aus Erfahrung
Kleinmädchenliebe nur zu gut?
Noch jetzt — bei Gott! – gerinnt mein Blut,
Denk ich des Blickes nur, des kalten,
Und dieser Predigt... Nein, ich klag
Nicht an: An jenem Schreckenstag
Haben Sie nobel sich verhalten,
Da waren Sie im Recht vor mir:
Von ganzem Herzen Dank dafür ...

XLIV.
Damals – nicht wahr? – so weltentlegen,
Fernab von müßigem Geschwätz,
Gefiel ich Ihnen nicht... Weswegen
Verfolgen Sie mich denn nun jetzt?
Warum sind Sie auf mich versessen?
Ist's deshalb nicht, weil unterdessen
In höchsten Kreisen ich verkehr,
Weil reich ich bin an Geld und Ehr,
Weil, da mein Mann versehrt in Schlachten,
Der Hof uns überhäuft mit Huld?
Ist's nicht, weil meine Schmach und Schuld
Gleich überall die Runde machten
Und Sie in der Gesellschaft drum
Erwürben delikaten Ruhm?

XLV.
Ich weine ... Falls Sie wirklich denken
An Ihre Tanja noch bis heut,
So hörn Sie: Ihr Talent zu kränken,
Die kalte Unerbittlichkeit
Würd ich weit lieber noch ertragen
Als diese Briefe, Tränen, Klagen,
Als diese peinliche Passion.
Mit meiner kindlichen Vision
Verfuhrn Sie damals doch noch pfleglich,
Bedachten doch, wie jung ich war ...
Doch jetzt! – Was führt Sie denn hierher
Zu meinen Füßen? Oh, wie kläglich!
Bei Ihrem Herz und Geist – und dann
So billigem Antrieb untenan?

XLVI.
Dabei, Onegin, all die Pracht hier,
Des schalen Lebens Flitterkleid,
Erfolge, die die Welt gebracht mir,
Mein Haus, modern und gastbereit,
Was soll's? Ich würde ohne Fragen
Sofort dem Mummenschanz entsagen
Und all dem Glanz und Lärm und Quark
Für ein paar Bücher, meinen Park,
Für unsre anspruchslosen Räume,
Die Stätten, wo ich Sie zumal,
Onegin, sah zum erstenmal,
Und für des stillen Friedhofs Bäume
An jenem Kreuz, in dessen Hut
Nun meine arme Njanja ruht...

XLVII.
Und dabei war das Glück so möglich,
So nah!... Doch ist mein Schicksal nun
Entschieden schon. Ich war womöglich
Zu unbedacht in meinem Tun:
Die arme Tanja war verloren,
Als Mutters Tränen sie beschworen,
Galt jedes Los ja gleich ... Und ich
Willigte ein. Sie dürfen mich,
Ich bitte Sie, nicht länger quälen.
Gehn Sie! Ich weiß: Ihr Herz bewahrt
Noch Stolz und Ehre echter Art.
Ich liebe Sie (wozu's verhehlen?),
Doch gab man einem ändern mich;
Ihm werd ich treu sein ewiglich.«

XLVIII.
Sie geht hinaus. Er bleibt noch stehen,
Gleichsam vom Donnerschlag gerührt.
Welcher Gefühle Sturmesböen
Er tief im Herzen tosen spürt!
Doch plötzlich hallen Sporentöne,
Tatjanas Mann betritt die Szene,
Und hier nun wird mein Held am End,
Für ihn im peinlichsten Moment,
Von uns verlassen werden müssen,
Für lang ... für immer. Allzu weit
Durchstreiften wir schon Seit an Seit
Mit ihm die Welt. Und froh begrüßen
Wir uns im Hafen nun. Hurra!
Längst fällig (stimmt's nicht?) war das ja!

XLIX.
Was, Leser, du auch warst von beiden,
Freund oder Feind, ich will von dir
In gutem Einvernehmen scheiden.
Leb wohl! Was du auch suchtest hier
In meinen leicht entworfnen Zeilen:
Erinnrungen, die schwer verheilen,
Entspannung nach der Arbeit bloß,
Lebendige Bilder und Bonmots,
Grammatisch falsche Konstruktionen –
Geb Gott, in diesem Büchlein sei
Für Unterhaltung, Träumerei,
Fürs Herz, für Zeitungsdiskussionen
Ein bißchen abgefalln am End.
Leb wohl, da unser Weg sich trennt!

L.
Leb wohl, du, seltsamer Gefährte,
Und du, mein treues Ideal,
Und du, lebendig stets bewährte
So kleine Müh. Euch dank ich all
Das, was ein Dichter wünscht vom Lose:
Vergessenheit im Weltgetose,
Im Freundeskreis vertrautes Wort.
Wie viele Tage flohn schon fort,
Seit mir das junge Bild Tatjanens
Mit dem Onegins traumhaft blind
Zum erstenmal erschienen sind –
Die Freiheitsweite des Romanes
Sah ich im Zauberglasvisier
Recht unklar damals nur vor mir.

LI.
Und jene, deren Freundschaft gerne
Ihr Ohr den ersten Strophen lieh?
»Die sind nicht mehr, und die sind ferne«
Wie Sadi sagte. Ohne sie
Ward mein Onegin nun entfaltet.
Und die, nach deren Bild gestaltet
Tatjanas liebes Ideal?...
Oh, Opfer, Opfer ohne Zahl!
Glückselig, wer, solang noch dauert
Das Fest des Lebens, es verläßt,
Den Kelch nicht austrinkt bis zum Rest,
Aufs Ende des Romans nicht lauert,
Und Abschied nehmen kann im Nu,
Wie ich es von Onegin tu.

ENDE

Widmung || Erstes Kapitel || Zweites Kapitel || Drittes Kapitel || Viertes Kapitel || Funftes Kapitel || Sechstes Kapitel || Siebentes Kapitel || Achtes Kapitel

Оригінал твору

Бібліотека ім. О. С. Пушкіна (м. Київ).
А.С. Пушкин. Полное собрание сочинений в десяти томах

 

return_links(); BufConvert(); ?>